3 | 2019 Juli – September

Weltwissen

Als Höhepunkt des Berliner Wissenschaftsjahres wirft die Ausstellung »WeltWissen« im Martin-Gropius-Bau einen Blick zurück auf die Wissenschaftsgeschichte der Stadt.
 
Werner Forßmann, Röntgenbild der ersten Herzkatheterisierung, 1929. Röntgenbild, ca. 30 × 40 cm
Berlin im Jahr 1987: Die Stadt feiert ihre 750-jährige Geschichte und präsentiert sich gleich zweimal als Wissenschaftsstadt - im Westen in der wiedereröffneten Kongresshalle mit der Ausstellung »Wissenschaften in Berlin« und im Osten in der Werner-Seelenbinder-Halle mit der Ausstellung »750 Jahre Berlin - Wissenschaft und Produktion der DDR imDienste des Volkes«. Seither haben sich zahlreiche Einzelausstellungen unterschiedlichen Aspekten der BerlinerWissenschaften gewidmet: 200 Jahren Technische Universität in Nachfolge der Bauakademie, den Sammlungen der Humboldt-Universität als einem »Theatrum Naturae et Artis«, der Geschichte der Freien Universität oder der Person Albert Einsteins. Die neuen Dauerausstellungen im Medizinhistorischen Museum und im Museum für Naturkunde sind ebenso wie die zahlreichen hochkarätigen Ausstellungen der Staatlichen Museen Teil des »Berliner Museumswunders«, das Einheimische wie Gäste der Stadt in Scharen in die Museen strömen lässt.

Doch erst im Jubiläumsjahr 2010 wird 20 Jahre nach der Wiedervereinigung erstmals eine Gesamtberliner Sicht auf Geschichte und Gegenwart der hiesigen Wissenschaften vorgenommen - institutionen-, disziplinen- und epochenübergreifend gleichermaßen. 200 Jahre Humboldt-Universität, 300 Jahre Charité, 300 Jahre erstes Statut und erste Publikation der Akademie der Wissenschaften und im nächsten Jahr 100 Jahre Max-Planck- und Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft bildeten für die Jubilare den Anlass einer gemeinsamen Ausstellung, die über die Geschichte der eigenen Institutionen hinausblickt. Das 200-jährige Jubiläum des Museums für Naturkunde und das 350-jährige der Staatsbibliothek im Jahr 2011 sind weitere Anlässe der Ausstellung. Die Technische Universität und die Freie Universität beteiligen sich aktiv als Ausstellungspartner. Die Staatlichen Museen zu Berlin engagieren sich als Partnermuseen, insgesamt tragen über 150 Leihgeber zu einer fächerübergreifenden Objektvielfalt bei.

WeltWissen stellt die Berliner Wissenschaften und ihre Vernetzungen innerhalb der Stadt in den Mittelpunkt, thematisiert dabei aber gleichzeitig, dass wissenschaftliches Schaffen nicht an Stadtgrenzen endet. Die Jubiläumsausstellung greift mit dem Titel »WeltWissen. 300 Jahre Wissenschaften in Berlin« den Bezug zwischen zwei Räumen der Wissenschaft - Berlin und der Welt - vielfältig auf. Einmal beinhaltet dieses Wechselspiel die Neugierde Berliner Wissenschaftler auf die Welt, die mitunter in Gier und Anmaßung umgeschlagen ist, aber auch eine Vorreiterrolle bezüglich Weltoffenheit und Toleranz für andere Kulturen gespielt hat. Das Wechselspiel beinhaltet auch den Austausch mit der Welt und drückt sich in ausgedehnten Korrespondenzen aus, wie etwa die 30.000 Briefe aus der Feder Alexander von Humboldts eindrucksvoll vor Augen führen. Die Ausstellung ist neben dem Anspruch, ein Panorama unterschiedlicher Disziplinen und Epochen zu entfalten, auch durch das breit angelegte Veranstaltungsprogramm charakterisiert: wissenschaftliche Diskussionen, Präsentationen in der Ausstellung und Programme für Kinder und Jugendliche sprechen unterschiedliche Zielgruppen an.

Empfangen werden die Besucherinnen und Besucher im zentralen Lichthof des Martin-Gropius-Baus mit einer objektbasierten Installation, die diese Grundidee der Relation der Berliner Wissenschaften zur Welt eindrucksvoll umsetzt: Ein Großregal mit einer Fläche von 600 qm zeigt Objekte aus allerWelt, die der US-Künstler Mark Dion arrangiert hat. Das Regal durchschneidet den Martin-Gropius-Bau in Form eines Kugelsegments und kann imaginiert werden als Teil einer Weltkugel, die Gegenstand wissenschaftlicher Neugierde ist. Das Bild des Segments verweist auf die Ausschnitt- und Perspektivhaftigkeit, die Wissenschaft einnimmt. Gezeigt werden u. a. die berühmte Akademieuhr, die über eine Spanne von 130 Jahren der Stadt den Takt vorgab; ein Papiertheater mit Kulissenschrank aus dem Museum Europäischer Kulturen, das eine Szene aus dem Freischütz zeigt. Es steht in direktem Bezug zu Berlin, wo das Stück 1821 uraufgeführt wurde. Zu sehen ist auch eine Skulptur des aztekischen Regengotts Tlaloc aus dem Ethnologischen Museum, deren Weg nach Berlin nachgezeichnet wird. Dieser erschließt sich dem Besucher, wenn er Tlaloc mit einem der speziell entwickelten »sprechenden« Fernrohre in den Blick nimmt und eine Hörgeschichte die Hintergründe liefert. So werden in der AusstellungObjekte inszeniert, zugleich wurden aber auch neueste Medien entwickelt, um die Objekte zum Sprechen zu bringen.

Vor dem Großregal stehen Arbeitstische, auf denen sich aktuell beforschte Objekte befinden, als wären sie gerade zur näheren Betrachtung dem Regal entnommen worden. Hier erfährt der Besucher, mit welchen Interessen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Dingen widmen, welche Antworten sie finden und welche Überraschungen und neue Fragen sich dabei auftun. Aus dem Rathgen-Forschungslabor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist beispielsweise an der Untersuchung einer Glasperlenkette zu erfahren, wie modernste Forschungsmethoden genutzt werden, um Kulturgut bestmöglich bewahren zu können. Die Informatikerin Verena Hafner wird in ihrem Forschungsalltag porträtiert, wie sie Interaktions- und Imitationsverhalten von Robotern erforscht, beispielsweise wenn sie sich in einem Spiegel selber erblicken.

Chronologischer Gang



Die 18 umlaufenden Themenräume des Martin-Gropius-Baus teilt das Konzept von WeltWissen in zwei Erzählstränge: in einen chronologischen Gang durch 300 Jahre Berliner Wissenschaftsgeschichte und in Räume zu unterschiedlichen Wissenswegen, wie beispielsweise »Entwerfen und Verwerfen«, »Experimentieren«, »Streiten und Kooperieren«, »Rechnen und Interpretieren«. In dem chronologischen Gang wird Berliner Wissenschaft im Kontext der Zeit dargestellt, gesellschaftliche wie kulturelle Verbindungen werden geschaffen. Der erste Raum legt den Schwerpunkt auf die Wissenschaft am Hof, die sich entwickelnden bürgerlichen Sammlungen und die Churfürstlich Brandenburgische Societät der Wissenschaften. Die Gründungsidee von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716)wird ebenso beleuchtet wie die astronomischen Beobachtungen und kalendarischen Berechnungen von Gottfried Kirch (1639-1710), die durch das Kalendermonopol die Finanzierungsgrundlage der Akademie gebildet haben. Das anatomische Theater, das bald nach seiner Gründung der Akademie unterstellt wurde, erscheint als Ort enormer Aktivität, an dem so viel seziert wurde wie an kaum einem anderen anatomischen Theater. Ein Objekt aus dem Besitz der Akademie gibt im Folgeraum zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Beispiel ab, wie die Ausstellung anhand verblüffender Dinge Geschichte lebendig werden lässt: Eine Kugel aus dem Akademiearchiv ist Teil der Ballotage gewesen, mit der in geheimen Abstimmungen über die Aufnahme oder Ablehnung neuerMitglieder entschieden wurde. Überwogen die schwarzen Kugeln, wurde der Kandidat abgelehnt, überwogen die weißen, kam es zur Aufnahme. Die weiße Kugel in der Ausstellung steht für die Mitgliedschaft der Brüder Grimm.

Die weiteren Etappen der Berliner Wissenschaften sind neben Erfolgen immer wieder auch durch Brüche und Verwerfungen charakterisiert, wie sie besonders für die Zeit des Nationalsozialismus prägend waren. Die Barbarei lähmte nicht bloß die Wissenschaft, mitunter entstand sie auch aus der Wissenschaft heraus. Für die Zeit zwischen 1945 und 1989 werden die Entwicklungen in Ost und West im politischen Kontext dargestellt. Nebeneinanderstellungen zeigen divergierende Forschungen, aber auch Parallelentwicklungen wie bei der Kybernetik sowie verblüffende Kooperationen und Blicke über die Mauer hinweg. Für die Nachwendezeit werden unterschiedliche persönliche Perspektiven durch Zeitzeugeninterviews lebendig: 16 Positionen, von der Öffentlichkeit unbekannten Personen bis zu Wolfgang Thierse und Joachim Sauer, der vielen als Gatte der Kanzlerin bekannt sein dürfte. Auch er gibt Auskunft, wie die Wende seine wissenschaftliche Tätigkeit beeinflusst hat. Die Zeitzeugeninterviews umrahmen in dem Raum ein Objekt besonderer Symbolkraft: das Autograf der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven aus dem Besitz der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz steht nicht nur für die Emotionalität der Einheitsfeierlichkeiten im Jahr 1990, sondern für die Zusammenführung von Kulturgut, die nach 1989 möglich wurde. Nach getrennten Auslagerungen im 2.Weltkrieg lag ein Teil der Bände im Westteil der Stadt, der andere im Osten. 1997 wurden sie in der Musikabteilung der Staatsbibliothek im Haus Unter den Linden räumlich wieder zusammengeführt. 2001 nahm die Unesco das Autograf in das Register Memory of the World auf.

Wissenswege



Während in diesem Ausstellungsteil jeder der Etappenräume durch seinen jeweiligen Zeitbezug geprägt ist und Wissenschaft explizit in ihrem zeitgeschichtlichen, kulturell-gesellschaftlichen Kontext präsentiert wird, sind die Räume im zweiten Erzählstrang - den Wissenswegen - diachron organisiert.Wissenschaftwird hier als Kultur präsentiert. So begegnen die Besucherinnen und Besucher in einem Raum zum »Experimentieren« der Entwicklung vom Versuch auf dem Küchentisch von Emil du Bois-Reymond (1818-96) hin zu heutigen High-Tech-Laboren mit höchst kontrollierten Bedingungen. Im Bereich »Sammeln« wird das Zusammentragen, Ordnen und Organisieren von Objekten als Prozess aufgezeigt, so etwa am Beispiel des Wörtersammelns im Projekt der Akademie zum Deutschen Wörterbuch oder der skurril anmutenden Staubsammlung Christian Gottfried Ehrenbergs (1795-1876) aus dem Museum für Naturkunde. Der Bereich »Kooperieren« wirft einen Blick auf den Netzwerker Alexander von Humboldt als fleißigen Briefschreiber - und lässt dabei Humboldts Klagen nicht aus, wie sehr ihm die umfangreiche Korrespondenz zur Last wurde. Die Ausstellung wäre nicht denkbar, wenn nicht wissenschaftshistorische Forschungsprojekte solche Themen erschlossen hätten, so dass sich in diesen Präsentationen historischer Berliner Personen und Ereignisse implizit gleichzeitig aktuelle Ergebnisse Berliner Wissenschaftsforschung ausstellen. Im Ausstellungsraum »Lehren« fallen Geschichte und Gegenwart zusammen: Gipse aus den archäologischen Lehrsammlungen der Humboldt und der Freien Universität, anatomische und pathologische Präparate der Charité und zoologische Lehrobjekte verdeutlichen, wie sehr Lehre auch im Internetzeitalter an historisch gewachsene Sammlungen gekoppelt ist, sodass die Unterscheidung zwischen einem historischen, musealisierten Objekt und aktueller Forschungsund Lehrpraxis erodiert.

Jochen Hennig
Weltwissen, Martin-Gropius-Bau, 24. September 2010 bis 9. Januar 2011
Aus MuseumsJournal 4/2010, Ausstellungen


Ständig aktualisierte Informationen unter: www.weltwissen-berlin.de