4 | 2018 Oktober – Dezember

Liebermanns Gegner

Die Stiftung Brandenburger Tor widmet der Neuen Secession und dem Expressionismus in Berlin eine Ausstellung im Max-Liebermann-Haus.
 
Max Pechstein, Plakat Kunstausstellung (Detail). III. Ausstellung Neue Secession, 1911. Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin. © Pechstein, Hamburg/Tökendorf 2011
Die Neue Secession in Berlin, zu deren Mitgliedern Berliner Expressionisten wie Georg Tappert, Heinrich Richter-Berlin, César Klein und Moriz Melzer, die Künstler der »Brücke« und Mitstreiter des »Blauen Reiter« gehörten, bestand von 1910 bis 1914 und war wesentlich an der Etablierung des Expressionismus in Berlin und Deutschland beteiligt. Sie wurde im Frühjahr 1910 aus Protest gegen die Berliner Secession und ihren Ersten Vorsitzenden,Max Liebermann, gegründet und veranstaltete in Berlin sieben viel beachtete Ausstellungen,ergänzt durch mehrere Wanderausstellungen in Deutschland und dem angrenzenden Ausland. Zahllose Ausstellungsbesprechungen in der Presse und vielfältige Verweise in zeitgenössischen Publikationen sowie privaten Briefen bekunden die große Beachtung, die der Künstlervereinigung damals zuteilwurde. Zeitgenossen sahen in ihr eine beispielhafte Vertreterin der »Neuen Kunst«, wie die später als Expressionismus, Kubismus und Futurismus benannten Kunstrichtungen zunächst vielfach bezeichnet wurden.
Ausgehend von wenigen Werken Liebermanns zeigt die Ausstellung der Stiftung Brandenburger Tor eine Auswahl von und achtzig Gemälden, Skulpturen und Arbeiten auf Papier, die in den historischen Ausstellungen der Neuen Secession zu sehen waren. Ergänzt durch archivarische Dokumente, die damaligen Ausstellungskataloge und Werbeplakate, beleuchtet die Ausstellung erstmals die Geschichte und Bedeutung der Neuen Secession und präsentiert einen Überblick über die damals gezeigten Werke, die das zeitgenössische Publikum teils schockierten, teils belustigten und die uns heute als Ikonen der Klassischen Moderne gelten. Dazu gehören beispielsweise Gemälde wie Georg
Tapperts »Loth und seine Töchter« , Ernst Ludwig Kirchners »Zwei Tänzerinnen « oder die Skulptur »Kleiner weiblicher Torso« von Wilhelm Lehmbruck. Anlass für die Gründung der Neuen Secession war eine ungewöhnlich hohe Zahl von Zurückweisungen durch die Jury der jährlichen Ausstellung der Berliner Secession im Jahre 1910 unter Liebermanns Vorsitz. Einige der davon betroffenen Künstler gründeten auf Initiative von Georg Tappert daraufhin eine eigene Künstlervereinigung, die ihnen die Möglichkeit geben sollte, ihre Werke öffentlich auszustellen und somit potenzielle Käufer zu finden. Ein solches Vorgehen ist keineswegs einmalig in der Geschichte und heute ebenfalls keine Seltenheit. Auch die Gründung der Berliner Secession selbst ging auf den Wunsch der Künstler zurück, ein neues Ausstellungsforum für ihre andernorts abgelehnte Kunst zu schaffen. Doch obwohl sie selbst in Opposition zur konservativen Akademie der Künste und dem Verein Berliner Künstler als eine Alternative für jüngere Künstler begründet worden war, war die Berliner Secession gut zehn Jahre nach ihrer Gründung bereits so etabliert und konservativ geworden, dass dieneuen künstlerischen Entwicklungen der nachfolgenden Generation dort nicht mehr akzeptiert wurden. In erstaunlicher Geschwindigkeit reagierten die Künstler um Tappert wie Moriz Melzer,Heinrich Richter-Berlin und Max Pechstein im April 1910 auf die Aussendung der Ablehnungsbescheide, um sich der Berliner Secession entgegenstellen zu können. Innerhalb einer Woche hatten sie bereits weitere betroffene Künstler kontaktiert, Pressemeldungen verfasst, waren mit möglichen Ausstellungsorten in Verhandlung getreten und gründeten am 21. April 1910 die Neue Secession. Die erste Ausstellung eröffnete bereits einen Monat nach den Zurückweisungen in der Buch- und Kunsthandlung Maximilian Macht in der Rankestraße 1 in der Nähe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, in der auch die nächsten beiden Ausstellungen stattfanden. Die vierte Ausstellung der Neuen Secession, die am 18. November 1911 in eigenen Räumen in der Potsdamer Straße 122 eröffnet wurde, stellt die bedeutendste Veranstaltung und den Höhepunkt der Vereinigung dar. Bereits vor der Sonderbundausstellung 1912 in Köln und vor Herwarth Waldens »Erstem Deutschem Herbstsalon« im Jahr darauf in Berlin zeigte diese Ausstellung einen internationalen Überblick über die jüngste Kunstentwicklung. Zudem präsentierte sie erstmals gemeinsam Werke von Mitgliedern der »Brücke« und Künstlern des später gegründeten »Blauem Reiters«, der beiden bedeutendsten und heute bekanntesten expressionistischen Künstlergruppen. Die sich daraus entwickelnden fruchtbaren Kontakte zwischen diesen Künstlern eigen, dass networking keineswegs eine Erfindung des späteren 20. Jahrhunderts ist. Schon damals bauten die Künstler ein immer enger werdendes persönliches Netzwerk zwischen sich und den Kunstförderern auf, in dem die Neue Secession ein wesentlicher Bestandteil war und das die Etablierung der »Neuen Kunst« erheblich vorantrieb. Doch während der vierten Ausstellung kam es auch zur einschneidensten Krise der Neuen Secession. Nachdem Pechstein nicht wieder in den Vorstand gewählt worden war, trat er unter Protest zusammen mit Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Otto Mueller, der durch die »Neue Secession« mit den »Brücke«-Künstlern in Kontakt gekommen war, aus der Vereinigung aus. In der Folge sank die Bedeutung der Neuen Secession, obwohl sie vermehrt um Mitglieder warb. Die folgenden drei Ausstellungen, die sie noch in Berlin veranstaltete, erhielten weit weniger Aufmerksamkeit von Presse und Publikum. Doch lag dies nicht nur am Austritt einiger Künstler, sondern vielmehr an der sich allgemein verändernden Kunstszene in Berlinwährend der letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Die Zahl alternativer Ausstellungsmöglichkeiten stieg allein in Berlin beispielsweise durch die Veranstaltung der »Juryfreien« Kunstschau oder Herwarth Waldens »Sturm«-Ausstellungen an, und auch die etablierten Institutionen wie die Berliner Secession öffneten sich zunehmend den jüngeren Richtungen, um ihr eigenes Weiterbestehen zu sichern. Darüber hinaus wurde die »Neue Kunst«, deren dominanteste Form in Berlin und Deutschland inzwischen eindeutig der Expressionismus geworden war, zunehmend von Kritikern und Publikum anerkannt. Die Position der Künstler, die in der Neuen Secession ausstellten,war somit nicht mehr, Vertreter einer gänzlich neuen, unverständlichen und abstoßenden Bewegung zu sein. Sie galten nun als Teil einer größeren Entwicklung, deren Avantgarde-Stellung allmählich in die einer akzeptierten, ernst genommenen Bewegung überging. Die »Neue Secession« bestand zwar nur vier Jahre, da sie sich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges stillschweigend auflöste, entwickelte sich in dieser Zeit jedoch zu einem einflussreichen Ausstellungsforum und kunstpolitischen Faktor, dessen Bedeutung für die Ausbreitung des Expressionismus bislang wenig beachtet wurde.

Anke Daemgen
Liebermanns Gegner, Max Liebermann Haus
Aus MuseumsJournal 2/2011, Ausstellungen