4 | 2017 Oktober – Dezember

Samarra

Das Pergamonmuseum zeigt eine archäologische Ausstellung über den Aufstieg dieser gigantischen Metropole des abbasidischen Reiches im 9. Jahrhundert.
 
Nischenwand aus dem Schloss Balkuwara, Samarra mit Stuckdekor im »Schrägschnittstil«. © Museum für Islamische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin. Foto: Ernst Herzfeld, Grabungsfoto 1911-13
Samarra - Zentrum der Welt? So stellte es sich im 9. Jahrhundert zumindest für die Bevölkerung des gewaltigen abbasidischen Reiches dar - also eines Gebietes zwischen den Küsten Marokkos, den Hängen des Ätna, an den Ufern des Nils und des Euphrats, den Steppen Zentralasiens und dem Indus-Delta.
Die Abbasiden (749-1258) herrschten als zweite Dynastie über das islamische Großreich. Mit Gründung der Hauptstadt Bagdad im Jahre 762 entwickelte sich das Gebiet des heutigen Irak zum Drehkreuz internationalen Handels mit politischen Kontakten zum Hof der chinesischen und byzantinischen Kaiser sowie zu dem Karls des Großen. Kultur und Wissenschaft erlebten eine Blütezeitmit Übersetzungen antiker Werke und nachhaltigen Leistungen in der Geografie, Philosophie, Medizin, Astronomie und Mathematik.
Um politischen Wirren in der Metropole Bagdad aus dem Weg zu gehen, gründete im Jahre 836 der Kalif al-Mu'tasim (833-842) 125 Kilometer nördlich von Bagdad mit Samarra eine neue Hauptstadt. Samarra, oder offiziell »Surra man ra'a« (Arabisch für »Erfreut, wer sie sieht«), entwickelte sich in zweiwichtigen Bauphasen zu einer gigantischen Stadtanlage von über 150Quadratkilometern entlang des Tigris. Unmengen von lokalen Lehmziegeln und Stuckmörtel sowie importierte Materialien, wie Teakholz aus Südostasien und Marmor, verwendete man für das exorbitante Bauprojekt. In ihrem Mittelpunkt stand der über dem Tigris angelegte, 175 Hektar große Kalifenpalast, bestehend aus einer Folge von Höfen, Thronsälen und Wohnräumen mit ausgedehnten Gartenanlagen, Jagdgehegen, Polofeldern sowie Pferderennbahnen. Die Soldaten wurden, nach ethnischen Gruppen getrennt, in schachbrettartig angelegten, weitläufigen Quartieren untergebracht. Die Ausmaße der Bauten werden am Beispiel der Großen Moschee deutlich. Das Gebäude soll 100000 Menschen Platz geboten haben, war so groß wie zweieinhalb Fußballfelder und von einer Umfassungsmauer von 376 ×444mumgeben. Das berühmte Spiralminarett (al-Malwiyya) der Moschee wurde aufgrund seiner gewaltigen Ausmaße von europäischen Malern in Darstellungen des Turmbaus zu Babel rezipiert. Doch die Pracht währte nicht lange. Schon 892 zwangen Finanzkrisen zur Rückkehr nach Bagdad, und Samarra wurde aufgegeben. Nicht ganz: Samarra blieb als ein zentraler schiitischer Pilgerort bestehen. Die Grabesmoschee al-'Askari mit ihrer 2005 zerstörten goldenen Kuppel und der Schrein, der den Ort des Verschwindens von Imam Mahdi markiert, ziehen auch heute Pilgerscharen an. Samarra - Hauptstadt eines Weltreiches auf Zeit - gehört zum UNESCO- Weltkulturerbe.

Ausgrabung und Ausstellung


Der erste Museumsdirektor der islamischen Abteilung des Kaiser Friedrich-Museums Friedrich Sarre (1865-1945) und der Archäologe Ernst Herzfeld (1879-1948) beschlossen, mit Samarra eine Stadt der islamischen Welt archäologisch zu untersuchen. Es war die erste wissenschaftliche Ausgrabung, die sich ausschließlich mit der islamischen Zeit beschäftigte. Der Grabung kommt also wissenschaftsgeschichtlich eine kaum zu überschätzende Bedeutung zu: Sie bildet gewissermaßen den Beginn der »Islamischen Archäologie« als akademisches Fach.
Samarra war verlassen, aber nicht zerstört worden. Vor den Ausgräbern lagen untermeterhohen Verschüttungen die Ruinen einer Stadt, wie sie im 9. Jahrhundert geordnet aufgegeben worden war. Drei Kalifenpaläste, die Große Moschee und zahlreiche Wohnhäuser wurden während der Grabungen 1911-13 von Herzfeld freigelegt. Die Ausstellung zeigt eine große Auswahl der Grabungsfunde, die durch Fundteilung ans Berliner Museum kamen und die von dem erlesenen Geschmack und den weltweiten Handelsverbindungen der Abbasiden im 9. Jahrhundert zeugen. Dazu gehören Stuckfelder sowie Holzvertäfelungen, die als Wandschmuck der einstigen Paläste und Wohnhäuser dienten. Insbesondere die Sockelfriese aus Stuck sind für die islamische Kunstgeschichte von großer Bedeutung. Hier tritt ein neuer Dekorstil auf, bei dem schräg in Stuck geschnittene bzw. in Holz geschnitzte, abstrakte vegetabile Formen vorherrschend sind. Eingefasst in Rahmenleisten reihen sich die einzelnen Formenmit abgerundeten Kanten ohne Hintergrund zu einem endlosen Rapport. Die schnell und kostengünstig zu produzierende Wanddekoration schmückte den Großteil der Räume in den über 6300, zum Teil sehr weitläufigen Gebäuden. Mit dem Samarra-Stil entwickelte sich erstmals ein verbindlicher Reichsstil, der sich in Ägypten, Iran und Afghanistan belegen lässt - jedoch schon im10. Jahrhundert wieder verschwunden war. Wichtig sind ebenfalls Reste von Wandmalereien, von denen sich aus der abbasidischen Zeit nur äußerst wenige erhalten haben.
Die vielfältigen Keramik- und Glasfunde sind eine kleine Sensation: Sie zeugen von einer zuvor nie dagewesenen Bandbreite von Techniken, Formen und Farben. Zu sehen sind goldglänzende Lüsterkeramiken, importiertes chinesisches Porzellan sowie fein geschliffenes Glas - Zeugnisse der innovativen und hochentwickelten Handwerksindustrien und der weitreichenden Handelsbeziehungen. Die neu entwickelten Lüster- und Blau-Weiß- Techniken sind der Beginn einer weltweiten Erfolgsgeschichte, die ästhetische Praktiken bis in die Moderne formte. Da die Bewohner von Samarra in den Jahren um 892 alle nutzbaren Gegenstände mit zurück nach Bagdad genommen hatten, fanden sich in den Grabungen primär Fragmente von Objekten. Jedoch machen deren luxuriöse Materialien, Herstellungsqualität und Farbbrillanz die kleinen Scherben zu funkelnden Mosaiksteinen einer der prachtvollsten Residenzstädte der Vormoderne.
Die Ausstellung dient auch der Erprobung von Vermittlungstechniken im Hinblick auf die Erweiterung des Museums für Islamische Kunst im Zuge des Masterplans Museumsinsel und die damit verbundene Neuaufstellung im Nordflügel des Pergamonmuseums 2019. In Zusammenarbeit mit dem »Experimentierfeld Museologie « (Susan Kamel und Christiane Gerbich), einem Forschungsprojekt zur Vermittlung islamischer Kunst, wurden in einem Pilotprojekt Berlinerinnen und Berliner bei der Entwicklung der Medienstation einbezogen. Das innovative Konzept führte Kuratoren mit Besuchern und mit Personen aus Samarra zusammen, um mit Methoden der empirischen Publikumsforschung Inhalte und Zugänge zu generieren, die verschiedenen Zielgruppen den Einstieg in das komplexe Material erlauben sollen. Der Ausstellungsarchitekt Youssef El-Khoury entwarf entsprechend kontextualisierende Raumsegmente. Abgerundet wird die Ausstellung durch eine Auswahl der historischen Grabungsfotos von Ernst Herzfeld, die im Buchkunstkabinett des Museums gezeigt werden. Sie sind nicht nur wichtige Dokumente der Ruinen, sondern auch der Landschaft und des Grabungsalltags.

Julia Gonnella, Gisela Helmecke und Stefan Weber
Samarra, Pergamonmuseum, 18. Januar bis 26. Mai 2013
Aus MuseumsJournal 1/2013, Ausstellungen