1 | 2019 Januar – März

Unser Schadow!

2014 jährt sich der Geburtstag Johann Gottfried Schadows zum 250. Mal. Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und Dokumente illustrieren im Ephraim-Palais ein faszinierendes Künstlerleben.
 
Johann Gottfried Schadow, Selbstbildnis, 1802. Kreide- und Pinselzeichnung, 23 x 18 cm. Stiftung Stadtmuseum Berlin. Foto: Oliver Ziebe
Unser Schadow! - Das klingt nach Umarmung und einer traditionell-rituellen Jubiläumsausstellung zu einem mit schöner Regelmäßigkeit wiederkehrenden Künstlergeburtstag. Diese Schadow- Ausstellung aber verlässt bewusst die ausgetretenen Pfade der durchaus breitgefächerten, jedoch oft nicht vertieften kunstwissenschaftlichen Betrachtung des Schadow'schen Werkes. Sie versucht die Re-Vision von Bekanntem und zeigt Neuentdeckungen, etwa noch nie ausgestellte oder gar unbekannte Zeichnungen. Sie öffnet sich marginalen Themen: Schadows emphatischer, für die damalige Zeit so typischer Vorliebe für Tableaux vivants (das Nachstellen von Kunstwerken mit lebenden Personen) und der Aufführung eigener Theaterstückchen, zudem seinem ausgeprägten Engagement im Berliner Vereinsleben, wobei sich das Freimaurertum nun erstmals klar darstellt. Dafür konnte das Stadtmuseum Berlin auf seinen reichhaltigen Fundus zur Kultur- und Kunstgeschichte Berlins zurückgreifen. Manche Kunstwerke erstehen im kulturgeschichtlichen Kontext neu, zeigen Schadow als widersprüchliches Kunstphänomen, der in der Ausstellung als starker Charakter würdevoll, manchmal sarkastisch-exzentrisch dazwischenfährt.
Vivat Schadovius! - Die Schadow Gesellschaft Berlin hegte seit Langem den Wunsch einer Ausstellung, vor allem, weil nach ihren Erfahrungen Schadow im öffentlichen Bewusstsein oft auf drei Hauptwerke reduziert wird: auf das Grabmal des Grafen von der Mark (1789), die Quadriga des Brandenburger Tores (1793) und die Prinzessinnengruppe (1795, MJ 1/2010). Dass er rund 400 Bildwerke und 3000 Grafiken schuf, durchgängig als Kunstschriftsteller tätig und als verdienstvoller Kunstlehrer hoch geachtet war, ist längst vergessen. Das Vergessen begann mit der Weisung Friedrich Wilhelms III., die Prinzessinnengruppe in nicht öffentlich zugängliche Räume des Berliner Stadtschlosses zu verbannen. Noch mehr beiseitegeschoben wurde Schadow im 19. Jahrhundert, als man Schinkel und Rauch eigene Museen widmete, ihm jedoch nicht. Offenbar ließen manche seiner Werke unerwünschte Deutungen zu, was Theodor Fontane 1853 anmerkte: »So wurde der >Alte Dessauer<, an dessen Dreimaster und Gamaschen wir jetzt gleichgiltig vorübergehen, zu einer That von unberechenbarer Wirkung.«
Unberechenbar sind Kunstwerke dieser Art, die Standesgrenzen verwischten, und ein freisinniger Mann, dessen sozialer Aufstieg bis zum Akademiedirektor die Überlegenheit einer hohen Geburt widerlegte. Schadows Leben ist anfangs fast abenteuerlich- romantisch, da der Schneidersohn, gestärkt von künstlerischen Talenten, erfrischt von Liebesglück und befeuert vom frühen beruflichen Erfolg in Rom, 1788 zum Hofbildhauer in Berlin berufen wird. Unter der Regentschaft zweier Könige gelingen ihm große bildhauerische Würfe; anfangs wirken sie oft unkonventionell. Der Bau seines Wohnund Atelierhauses 1803 bis 1805 verleiht diesem Aufstieg sichtbare Gestalt (MJ 4/2013) - doch dann gerät zwischen 1805 und 1812, mit den militärischen Debakeln Österreichs und Preußens gegen Napoleon, alles Gemeinwesen aus den Fugen. Schadow übersteht diese Zeit ohne größere Not. Im Sommer 1814 endlich herrscht neue Betriebsamkeit, nicht nur in seiner Werkstatt: Zur Erweckung eines neuen Nationalgefühls, zum Einzug des Königspaares und zur Wiederkehr der von Napoleon nach Paris gebrachten Quadriga feiert Berlin. Schadows Gesellen fertigen dafür Modelle einer vier Meter hohen Viktoria aus Holz, Gips, Pappe und Segeltuch; er selbst ist ins eigens gegründete städtische Festkomitee berufen. In angestammte Bahnen zurückfließen aber kann Schadows Leben nicht mehr. 1815 stirbt seine Ehefrau. 1816 wird er Akademiedirektor und hat nun ein Amt voller administrativer Pflichten inne, das bis zu seinem Lebensende 1850 seine schöpferische Kraft bindet und ihn von der Bildhauerei fortführt.
Diese Ereignisse und Taten, die Schadows Leben Kontur verliehen, erhellt die Ausstellung in neun Kapiteln.
Bekränzter Eingang - so überschrieb Walter Benjamin 1930 den Bericht zu einer Ausstellung, wo schon der erste Raum einen heiteren Eindruck erweckte, so als geschehe etwas »ganz Besonderes«; wo die Besucher durch das überraschende Arrangement der Exponate neue Einblicke gewannen und zuletzt die Räume nicht gelehrter, »sondern gewitzter« verließen. Das soll auch für diese Schadow-Schau gelten, die hinter dem Nimbus des großen Meisters den Menschen - eben »unseren Schadow« - hervortreten lässt. Tatsächlich ist sogar der Eingangsraum bekränzt, denn hier glänzt ein silberner Lorbeerkranz - auch eine Wiederentdeckung zur Ausstellung -, den Schadow von den Berliner Künstlern zum 80. Geburtstag am 20. Mai 1844 aufs Haupt gesetzt bekam. Dieser Tag hatte für den Jubilar früh um sieben begonnen, als ihm ein Männerchor ein Ständchen brachte; mittags fand bei Kroll ein gesetztes Essen mit 500 Personen und reichlich Festreden statt. Ein Fackelzug mit Musik führte abends durchs Brandenburger Tor zum Schadowhaus. Das feiersüchtige 19. Jahrhundert huldigte mit diesem preußisch-vaterländischen Fest einem Künstler, dessen Werke längst als unmodern galten und dessen angeblich altmodisches Kunsturteil unverhohlen angezweifelt wurde - welch eine Ironie!
Mein Schadow! - Was geschieht, wenn ein Künstler heute seine Laudatio für Schadow darbringt, zeigt das Entrée auch. Der Maler Johannes Grützke (geboren 1937), seit vielen Jahren Mitglied der Schadow Gesellschaft Berlin, hat zum Lorbeerkranz Festdekorationen erfunden, die vielleicht an den heute eigentümlich wirkenden theatralischen Pomp des Schadowfestes erinnern wollen. Sie nehmen dem ersten Ausstellungsraum etwas von seiner Statik, zeigen Schadows Standbilder leichthin, der Vergänglichkeit nähergerückt. Solche Interventionen von Grützke zu Schadow sind in nahezu allen Ausstellungsräumen zu finden, sie stellen einen imaginären Dialog zwischen beiden Künstlern her und laden dazu ein, eigene Gedanken über Kunst zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und herwandern zu lassen.
Claudia Czok
Dr. Claudia Czok ist Vorstandsmitglied der Schadow Gesellschaft Berlin e.V. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit ca. 100 Seiten.

Claudia Czok
Unser Schadow!, Stadtmuseum Berlin – Ephraim-Palais, 28. Februar bis 29. Juni 2014
Aus MuseumsJournal 1/2014, Ausstellungen