2 | 2019 April – Juni

Pablo Picasso

Pablo Picasso war nicht nur Maler und Bildhauer, sondern auch ein begnadeter Grafiker und Zeichner. Das Kupferstichkabinett zeigt 180 Werke des spanischen Künstlers und gibt einen retrospektiven Einblick in sieben Jahrzehnte eines außerordentlichen künstlerischen Schaffens.
 
Pablo Picasso, Portrait de jeune fille, d'après Cranach le Jeune II, 1958. Linolschnitt in fünf Farben von fünf Platten auf Vélinpapier, 76,7 x 57, 5 cm. Kupferstichkabinett. © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2013. Foto: Jörg P. Anders

Frauen - Stiere - Alte Meister



Im Reigen der nahezu kontinuierlich präsentierten Picasso-Ausstellungen zeichnet sich die Schau des Berliner Kupferstichkabinetts in zweifacher Hinsicht aus: Zum einen zeigt sie Grafiken und Zeichnungen aus der eigenen, mehr als 180 Werke umfassenden Sammlung, die mit ihrer ersten Erwerbung 1912 und 15 weiteren bis 1933 hinzugekommenen Werken als älteste museale Kollektion des Künstlers gelten kann. Durch den mutigen Einsatz des damaligen Kustos für die Moderne, Willy Kurth, wurde dieser Altbestand 1937 vor der Beschlagnahmung als »entartete Kunst« bewahrt. Durch Erwerbungen nach dem Zweiten Weltkrieg konnte er zur heutigen Opulenz ausgebaut werden. Ein wissenschaftlicher Bestandskatalog begleitet die Präsentation. Zum anderen wird dank der zwischen 1900 und 1968 datierten Werke ein Einblick in die gesamte Schaffenszeit dieses Titanen der Moderne ermöglicht. Ergänzt wird die Ausstellung um 40 Leihgaben aus Malerei, Zeichnung, Keramik und Plakatkunst. Zehn thematisch gegliederte Kapitel veranschaulichen die Grundthemen des Künstlers, die sein Leitmotiv spiegeln: »Was mich interessiert, ist das Drama des Menschen.«1 Dieser Ansatz sowie die ganze Fülle seiner Schöpferkraft kommen gerade in der Grafik Picassos, die in der Ausstellung dominiert und mit fast allen Hauptwerken vertreten ist, »in letzter Reinheit zum Ausdruck«2.
Mit insgesamt 2400 Radierungen, Lithografien und Linolschnitten in höchster künstlerischer und technischer Brillanz stellt das grafische OEuvre Picassos das bedeutendste dieser Gattung im 20. Jahrhundert dar. »Ich weiß nicht, ob ich ein großer Maler bin, aber ich bin ein großer Zeichner«3, hat Picasso selbst seine künstlerische Veranlagung zur grafischen Ausdrucksweise erfasst, die sich auch in seiner formbetonenden Malerei offenbart. Hinzu kommt seine Wertschätzung des Dramatischen, dem eine Kunst der Kontraste - wie das Schwarz-Weiß der Grafik - besonders entspricht. Sein Selbstverständnis, die künstle rischen Äußerungen als »eine Art Tagebuch«4 zu begreifen, hat den stark autobiografischen Charakter seiner Kunst bewirkt und gleichfalls seine Affinität zur intimeren Sprache der Grafik bestärkt. So finden sich einige ihn besonders bewegende Themen fast ausschließlich in der Grafik und der Zeichnung, etwa das selbstbildhaft verstandene Schicksal des Minotaurus, des mythischen Stiermenschen auf Kreta, in den Radierungen der 1930er-Jahre und die exzessive Erotik in den radierten Liebesszenen des Spätwerkes. All dies ist beispielhaft in der Ausstellung vertreten.
Mit zunehmendem Alter steigerte sich Picassos Begeisterung für die Grafik, die er - abhängig von den äußeren Bedingungen des Werkstattbetriebs - in Schüben realisierte, die sich jeweils auf eine Technik konzentrierten (Lithografie nach 1945, Linolschnitt nach 1954, Radierung vor allem seit 1968). Er schätzte die der Grafik innewohnenden Möglichkeiten, in verschiedenen Zuständen und Variationen ein Thema zu umkreisen, weil es für ihn erklärtermaßen nicht nur eine einzige Wahrheit gab. So schuf er ganze Reihen von Motivverwandlungen, etwa Bildnis serien seiner Lebensgefährtinnen oder die berühmte Folge der Stiermetamorphose in 14 Zuständen von einem plastisch kompakten Tier in relativer Naturnähe bis zum lapidaren, den steinzeitlichen Höhlenzeichnungen verwandten Formkürzel.
Allein im letzten, dem neunten Lebensjahrzehnt des Künstlers entstanden ebenso viele Grafiken wie in den 55 Jahren zuvor, darunter zwei Radierzyklen: die 1968 in weniger als sieben Monaten geschaffene Suite »347 Grafiken«, gefolgt von der Suite »156 neue Grafiken«, die von 1970 bis 1972, ein Jahr vor dem Tod des Künstlers, entstand. Wie in einer Retrospektive blickt der greise Künstler mit diesen Blättern auf sein Leben zurück und lässt die Gestalten seiner Kunst Revue passieren: Gaukler, Clowns, reitende Zirkusdamen, kostümierte Männer in Betrachtung gewaltiger Frauenakte, die sich erotisch provozierend darbieten, Maler und Modell.
Zahlreiche dieser Gestalten aus Picassos Universum der früheren Jahrzehnte begegnen den Besuchern auf dem Parcours der Ausstellung. Er setzt ein mit dem Frühwerk der Gaukler und Zirkusleute, mit dem Picasso 1904/05 seinen sogleich meisterlichen Einstand als Grafiker gab. Er war von Barcelona nach Paris, in das Künstlerviertel am Montmartre, übergesiedelt, wo ihm jahrelang materiell bedrückende Lebensumstände beschieden waren. Die Artisten, Gaukler und Harlekine des häufig besuchten nahe gelegenen Zirkus »Medrano« waren für ihn Sinnbilder der eigenen ungesicherten Existenz als moderner Künstler. Sie faszinierten ihn auch im späteren Werk immer wieder als Metaphern für das maskierte Rollenspiel in einer Welt des Scheins.
Kaum überraschend ist der Themenkreis der »Hommage an die Frauen« mit Darstellungen seiner Geliebten und Lebenspartnerinnen, aber auch mit Liebespaaren und anonymen weiblichen Akten im mythologischen Gewand am umfangreichsten vertreten. Picasso hat seine Partnerinnen immer auch als Verkörperungen unterschiedlicher Lebenshaltungen gesehen und mit einem entsprechend spezifischen Formenrepertoire dargestellt, die blonde Marie-Thérèse Walter etwa organisch weich gerundet; kantig, ernst, expressiv deformiert die intellektuelle Dora Maar; in klassischer Profilansicht Jacque line Roque, seine letzte Gefährtin. Besonders auffällig erscheint sein Stilpluralismus im Kapitel der »Bildnisse«, da sich hier der Vergleich mit dem Naturvorbild am stärksten einstellt. Drei innerhalb eines Jahrzehnts entstandene Bildnisse der Marie-Thérèse Walter - einmal klassizistisch naturnah (1928), dann skulptural gesteigert (1933) und schließlich surrealistisch aufgelöst (1939) - veranschaulichen Picassos Abneigung, sich auf einen Stil festzulegen. »Stil, das ist oft etwas, was den Maler in ein und derselben Sichtweise gefangen hält, in einer Technik, in einer Formel; über viele Jahre, manchmal ein ganzes Leben lang«, war seine Überzeugung. »Du siehst mich hier und dennoch habe ich mich bereits verändert, ich bin bereits woanders. Ich bin niemals in Ruhe, deswegen habe ich keinen Stil.«5 So kehren seine formalen Ent deckungen aus der kubistischen Zeit - etwa das gleichzeitige Nebeneinander von sichtbaren und lediglich gewussten Tatsachen eines Objekts, das sich z. B. in dem typischen Ineinander von Profil- und En-face-Ansicht äußert - auch im späteren Werk in figurativen Formen wieder.
Der Werkkomplex zu »Stillleben und Interieur « dokumentiert die Vorliebe des Künstlers für die einfachen, alltäglichen Dinge, die ihm gleichnishaft für menschliche Befindlichkeit erschienen. Eine tiefe existenzielle Metaphorik und lebenslange Faszination verband der Spanier mit dem Thema des Stierkampfes, das in der Ausstellung zentral inszeniert wird. Das kämpferische Ritual der Corrida zwischen Stier und Pferd war für ihn ein erotisches Symbol des Geschlechterkampfes. Eros und Mythos bilden auch den Hintergrund seiner Hinwendung zum Minotaurus, dem mediterranen Fabelwesen mit Menschenleib und Stierkopf, den Picasso in seiner Andersartigkeit und triebhaften Besessenheit als Alter Ego empfand. Ihm widmete er die rätselhafte, »Minotauromachie« betitelte monumentale Radierung - ein Hauptwerk in der Grafik des 20. Jahrhunderts. Weitere mythische Gestalten, heitere Faune, Kentauren und sinnenfrohe Bacchantinnen, hielten Einzug in sein OEuvre, als sich der Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg an der Côte d'Azur niederließ.
Zu einem weiteren Lebensthema entwickelte sich das erotisch spannungsvolle Gegenüber von Maler und Modell, seitdem Picasso Ende der 1920er-Jahre durch Illustrationen zu der Künstlernovelle »Das unbekannte Meisterwerk« von Honoré de Balzac erstmals mit dieser Problematik konfrontiert wurde. »Picasso und die Literatur« ist wiederum ein eigenes Ausstellungskapitel, das den unkonventionellen Umgang des Künstlers mit Textvorlagen dokumentiert. Unmittelbarer als zu den Literaten war sein Verhältnis zu den Wahlverwandten in der Kunst, die er nicht allein wegen ihrer künstlerischen Leistung, sondern vor allem wegen ihres »Stigmas«, ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit und der bedingungslosen Hingabe an die Kunst schätzte. So stand Vincent van Gogh ganz oben in seiner Ahnenliste, in der Grafik aber auch Rembrandt, Lucas Cranach d. Ä. und Francisco de Goya, deren Werke beispielhaft einigen Arbeiten des modernen Meisters gegenübergestellt werden.
Nur selten kommt das politische Engagement des Künstlers in Ausstellungen zur Sprache. Gerade Berlin war der Ort, an dem es in Zeiten des Kalten Krieges zu heftigen Kontroversen um den politischen Picasso kam. Seit dem spanischen Bürgerkrieg 1937 hatte sich der Künstler, beginnend mit seinem Protest gegen die Franco- Diktatur - so in der gezeigten Radierfolge »Traum und Lüge Francos« - und mit seinem Monumentalgemälde »Guernica« als Anklage gegen die Zerstörung der baskischen Kleinstadt durch Kampfflugzeuge der deutschen Legion Condor, über seine Kunst hinaus auch politisch engagiert. Seit 1944 Mitglied in der Kommunistischen Partei Frankreichs, setzte er sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Schöpfung des pazifistischen Symbols der »Friedenstaube« und der Teilnahme an internationalen Friedenskongressen aktiv für den Weltfrieden ein. Wurde er in Ostberlin dafür - aber auch nur dafür - gefeiert, so verbot der Westberliner Senat 1953 eine bereits vorbereitete Ausstellung aufgrund einiger Lithografien mit Friedenstauben. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb die Rezeption des Künstlers in Ost und West ambivalent. Sein unvergleichliches und vielgestaltiges, wohl an die 50 000 Werke umfassendes OEuvre eröffnet eine Vorstellung von der ungeahnten Schöpferkraft des Menschen und bietet nach wie vor das Potenzial lebendiger Auseinandersetzung.

Dr. Anita Beloubek-Hammer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Kupferstichkabinetts SMB und Kuratorin der Ausstellung.

Ein Bestandskatalog mit neuen Forschungsergebnissen, Beiträgen zur Sammlungsgeschichte und zur Bedeutung der Grafik im Werk Picassos sowie mit Einführungen in zehn thematische Schwerpunkte des Gesamtoeuvres begleitet die Ausstellung. Er ist im Gestalten Verlag erschienen und kostet 38 Euro.

Anmerkungen
1 Wiedergegeben von Christian Zervos: Conversation avec Picasso, in: Cahiers d'Art, Nr. 10, 1935 (Sondernummer Picasso), S. 173-178, zitiert nach: Edouard Bernadac/ Androula Michaël: Picasso. Propos sur l'art, Paris 1998, S. 36
2 So die Einschätzung von Bernhard Geiser, dem ersten Bearbeiter des OEuvrekatalogs der Grafik Picassos, in seiner Einleitung in: Pablo Picasso. Das graphische Werk, Ausstellungskatalog Kunsthaus Zürich 1954, o. S.
3 Zitiert nach: Gunther Thiem, in: Picasso zum 85. Geburtstag. Zeichnungen und Druckgraphik 1905-1965 aus dem Besitz der Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart 1966, o. S.
4 Picasso im Gespräch mit E. Tériade, in: L'Intransigeant, Paris 15.6.1932, zitiert nach: Denken mit Picasso. Gedanken über Kunst, Künstler und Kenner, ausgewählt von Daniel Keel, Berlin und Weimar 1985, S. 8
5 Zitiert nach: André Verdet: Picasso et ses environs, in: Entretiens, notes, écrits sur la peinture. Braque, Léger, Matisse, Picasso, Paris 1978, S. 199, in: Picasso. Propos sur l'art, Paris 1998, S. 176

Anita Beloubek-Hammer
Pablo Picasso, Kupferstichkabinett, 13. September 2013 bis 12. Januar 2014
Aus MuseumsJournal 4/2013, Ausstellungen