2 | 2019 April – Juni

Anton Graff

Anton Graff war der wichtigste Bildnismaler der deutschen Aufklärung. Zeitgenossen bewunderten seine Fähigkeit, den Modellen »bis in das Innere der Seele« zu schauen. Graff porträtierte die führenden Persönlichkeiten seiner Epoche und hinterließ ein Panorama der bedeutendsten Dichter, Denker und Monarchen.
 
Anton Graff, Elisabeth Sophie Auguste Graff, 1771/72. Öl auf Leinwand, 55,5 x 45,5 cm. Kunstmuseum Winterthur. Foto: Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft Zürich, Philipp Hitz

Gesichter einer Epoche



»Unter hundert Biltdern in meinem Tempel der Freundschaft ist nur eins von Graff; wär ich ein Banquier oder der König der Dänen, so wären sie alle von Graff«, schrieb der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) bewundernd über den bedeutendsten Porträtisten der deutschen Aufklärung, Anton Graff, der dieses Jahr anlässlich seines 200. Todestages mit einer Retrospektive gewürdigt wird. Für den Berliner Kupferstecher Daniel Chodowiecki (1726-1801) war er sogar der »größte Portrait Mahler dieses Jahrhunderts - es ist eine unbeschreibliche Wahrheit in [.] seinen Bildern«. Graff besaß die Gabe, die menschliche Individualität, ihr emotionales und geistiges Wesen physiognomisch und psychologisch präzise zu erfassen und mit Treffsicherheit festzuhalten. Der Philosoph und Kunsttheoretiker Johann Georg Sulzer, der Schwiegervater des Künstlers, schilderte Graffs Fähigkeit, »bis in das Innere der Seele« blicken und die »ganze Physiognomie in der Wahrheit der Natur« darstellen zu können. Vor allem die Augen, die Offenheit und Aktivität signalisieren und gleichsam Kontakt mit den Betrachtern aufnehmen, konnte Graff meisterhaft wiedergeben. Der Graff-Forscher Otto Waser bezeichnete 1926 die besondere Ausstrahlung der Werke Graffs als »Blickmagie«. Eines der Bildnisse voller »Blickmagie« ist das Porträt der 18-jährigen Auguste, das der Künstler von seiner jungen Frau 1771, im Jahr der Hochzeit, schuf. Bis heute ist der unverwechselbare lebendige Ausdruck der Bildnisse Graffs überaus ansprechend. Graff konzentrierte sich meist ganz auf das Antlitz, setzte dieses ins Licht und verlieh der Komposition durch sparsame, aber äußerst wirkungsvoll gewählte leuchtende Farbkontraste der Kleidung malerische Delikatesse.
Graff war einer der gesuchtesten Bildnismaler seiner Zeit. Könige und Fürsten ließen sich von ihm malen. Vor allem der Adel, etwa Minister, Gesandte, Geheimräte oder hohe Offiziere, haben sich seiner Kunst bedient. Das aufstrebende Bürgertum, Bankiers, Kaufleute, Kunstsammler, Verleger, Ratsherren, Bürgermeister, Geistliche, Gelehrte und ihre emanzipierten Frauen, gehörte zu seinen wichtigsten Auftraggebern. Der überaus produktive Künstler hinterließ ein OEuvre von etwa 2000 Werken. Seine Bildnisse erfuhren eine ungewöhnlich weite Verbreitung durch eigenhändige Wiederholungen, durch Kopien sowie durch grafische Reproduktionen. Graff hat seine Zeitgenossen nicht im Gestus der Repräsentation wiedergegeben. Vielmehr lag ihm daran, das Wesen des Einzelnen, unabhängig von dessen Stand, zu erfassen. Auch heute noch spricht die zeitlose Würde der Porträtierten unmittelbar aus seinen Werken. Graffs Interesse am Menschen, sein Respekt vor der Individualität ließ ihn, wie Ekhart Berckenhagen formulierte, eine »Gemeinschaft von Weltbürgern« vergegenwärtigen.
Unter den mehr als 1000 Personen, die Graff im Laufe seines Lebens porträtierte, waren zahlreiche berühmte Dichter, Denker und Künstler, darunter Gotthold Ephraim Lessing, Moses Mendelssohn, Friedrich Nicolai, Johann Georg Sulzer, Johann Joachim Spalding, Henriette Herz, Elisa von der Recke, Dorothea Schlegel, Johann Gottfried Herder, Friedrich Schiller, Daniel Chodowiecki, Charlotte Brandes, August Wilhelm Iffland und Gertrud Elisabeth Mara. Graff hinterließ eine Galerie der führenden kreativen Geister des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, die ihresgleichen sucht.
Der 1736 in Winterthur geborene Künstler entstammte einer Schweizer Zinngießerfamilie. Mit 17 Jahren verließ er die Schule, um ab 1753 an der Zeichenschule von Johann Ulrich Schellenberg in Winterthur Kunstunterricht zu nehmen. 1756 ging Graff bei Johann Jacob Haid in Augsburg in die Lehre. Ein Jahr später ließ er sich in Ansbach in der Werkstatt des Hofmalers Leonhard Schneider ausbilden. Während eines Aufenthaltes in der Schweiz 1765 erreichte ihn die Aufforderung des Dresdener Akademiedirektors Christian Ludwig von Hagedorn, sich um die Stelle eines Hofmalers zu bewerben. Sein als Probestück eingesandtes »Jugendliches Selbstbildnis« wurde mit Begeisterung aufgenommen, woraufhin Graff zum kurfürstlich sächsischen Hofmaler berufen und zum Mitglied der zwei Jahre zuvor gegründeten Dresdener Kunstakademie ernannt wurde. Von 1766 an war Graff zeitlebens Hofmaler in Dresden. Ab 1767 war er regelmäßig auf der Akademieausstellung vertreten. Diese Ausstellungspräsenz sowie die sich häufenden Aufträge des Hofes und vor allem vom sächsischen Adel und Bürgertum ebneten ihm den Weg zu Ansehen und Erfolg. Die Residenzstadt zog Auftraggeber aus verschiedenen Ländern Europas an, etwa aus Russland, Polen, Frankreich und Großbritannien. Auch für das dänische Königshaus und den livländischen Adel war Graff mehrfach tätig.
Wie kein anderer Künstler des 18. Jahrhunderts hat Graff sich beständig selbst port rätiert. Über 80 Selbstbildnisse schuf der Künstler. Mit einem Selbstporträt begann seine Kar riere und das »Selbstbildnis mit Augenschirm« war vermutlich seine letzte Arbeit. Das Studium der eigenen Züge diente der Selbsterforschung und zugleich der steten Vervollkommnung seiner Kunst.
Nahezu jedes Jahr ging Graff auf Reisen. Unter den Orten, die er am häufigsten besuchte, waren Winterthur, Zürich, Karlsbad, Berlin und Leipzig. Die Pflege persönlicher Kontakte verband er dabei fast immer mit der Ausführung von Bildnisaufträgen. Vielfach reiste Graff nach Leipzig. Seine Tätigkeit für die Handels- und Universitätsstadt begann 1769 mit dem Auftrag des Buchhändlers und Verlegers Philipp Eras mus Reich, Bildnisse von Gelehrten und Künstlern für dessen Galerie - nach dem Vorbild des Freundschaftstempels des Dichters Johann Wilhelm Ludwig Gleim in Halberstadt - zu malen.
Durch die Heirat mit Elisabeth Sophie Auguste Sulzer im Jahr 1771, der Tochter des aus Winterthur stammenden, in Berlin lebenden Philosophen Johann Georg Sulzer, wurde Graffs Beziehung zur preußischen Hauptstadt besonders eng. Bis 1801 kam er nach Berlin, insgesamt wohl 15 Mal. Über 100 Bildnisaufträge, u. a. vom preußischen Königshaus, wurden ihm hier erteilt. Sein 1781 nach Skizzen von einer Parade entstandenes Porträt Friedrichs des Großen wurde das berühmteste, am häufigsten kopierte und am meisten reproduzierte Bildnis des preußischen Königs. 1783 wurde Graff Ehrenmitglied der Berliner Akademie der Künste. Auf deren Präsentationen stellte er ab 1786 mehrfach aus, insgesamt 26 Werke. 1788 bot man ihm eine Stelle am preußischen Hof an. Obwohl die Bezahlung weit besser als in Dresden gewesen wäre, misslang die Abwerbung, vor allem wohl, weil Graff auf seine Dresdener Reisefreiheit nicht verzichten wollte. Reisen zu können, war für den Künstler unverzichtbar und überdies die Voraussetzung seines erfolgreichen Wirkens in und außerhalb von Deutschland.
Graff porträtierte in der preußischen Hauptstadt die führenden Berliner Aufklärer wie Lessing, Mendelssohn, Sulzer, Spalding, Ramler und Nicolai. Seine Porträtmalerei bereicherte die Berliner Kunst maßgeblich. Zahlreiche seiner Gemälde gelangten in die Sammlungen des preußischen Königshauses und der Berliner Familien Sulzer, Chodowiecki, Nicolai, Schadow u. a. Später kamen viele dieser Werke an die Berliner Museen. 1867 erwarb die Nationalgalerie ihren ersten Graff, heute besitzt sie 17 Bildnisse des Künstlers. Gekrönt wurde die Sammlung der Nationalgalerie in diesem Jahr der Graff-Ehrung von einer großzügigen Schenkung aus Privatbesitz, dem 1785 gemalten Porträt der Juliane Wilhelmine Bause.
Im Laufe seines Schaffens entwickelte Graff verschiedene Malweisen, von der präzisen Wiedergabe des Sichtbaren bis zu einer raschen, bisweilen skizzenhaft anmutenden Ausführung. In dieser kühnen Entwicklung vom Spätbarock bis zum Beginn der Moderne zeigt sich seine außergewöhnliche Kreativität. Gegen Ende seines Lebens befasste sich Graff eingehender mit der Landschaft. Er wirkte vorbildhaft für den Kreis junger Romantiker in Dresden, vor allem für Philipp Otto Runge. Es entstanden einige Gemälde mit Motiven aus dem Elbtal und dem Plauenschen Grund. Landschaftliche Hintergründe als Raum für freie Entfaltung spielten seit den 1790er-Jahren in Graffs Porträts zunehmend eine Rolle. Nach dem Tod seiner Frau 1812 wäre Graff gern noch einmal in die Schweiz gereist, doch die napoleonischen Kriegswirren machten seine Pläne zunichte. Am 22. Juni 1813 starb er in Dresden im Alter von 76 Jahren.
Graff war zu seiner Zeit der beste Bildnismaler im deutschsprachigen Raum und porträtierte die Besten seiner Zeit. Dieses Zusammentreffen großartiger Bildniskunst mit der Darstellung herausragender Persönlichkeiten der Epoche der Aufklärung ist einzigartig. Erstmals seit 50 Jahren wird Graffs Werk mit einer Retrospektive gewürdigt, die in Kooperation mit dem Museum Oskar Reinhart, Winterthur, entstand. Nachdem dort rund 80 Werke von Juni bis September gezeigt wurden, wird in der Alten Nationalgalerie die Ausstellung in erweiterter Form mit etwa 140 Werken zu sehen sein.

Dr. Birgit Verwiebe ist Kustodin an der Alten Nationalgalerie SMB.

Zur Ausstellung erscheint ein gemeinsam mit dem Museum Oskar Reinhart, Winthertur, erarbeiteter Katalog mit zahlreichen farbigen Abbildungen.

Die Ausstellung in Berlin wird ermöglicht durch den Verein der Freunde der Nationalgalerie und gefördert durch die Kulturstiftung der Länder und Pro Helvetia.

Birgit Verwiebe
Anton Graff, Alte Nationalgalerie, 25. Oktober 2013 bis 23. Februar 2014
Aus MuseumsJournal 4/2013, Ausstellungen