4 | 2020 Oktober – Dezember

Double Vision: Albrecht Dürer & William Kentridge

Im Mittelpunkt der Ausstellung des Kupferstichkabinetts stehen 120 druckgrafische Arbeiten von Albrecht Dürer und William Kentridge. Über die Jahrhunderte und alle kulturellen Unterschiede hinweg überführt die Schau diese beiden Visionen druckgrafischer Kunst in einen dynamischen Dialog: inhaltliche, ästhetische und drucktechnische Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden anschaulich gemacht.
 
William Kentridge, Portage, 2000. Chine collé (schwarzes Papier) auf Buchseiten aus der Enzyklopädie »Le Nouveau Larousse Illustré« (ca. 1906) auf Papier, Leporellofaltung, 27,5 x 423 cm (gesamte Breite).
Im Besitz des Künstlers, © William Kentridge
Ausstellungen sind besondere Orte der sinnlichen Erfahrung und Erkenntnis. Ihr ästhetisches Potenzial entfalten sie erst - und immer wieder neu - durch die Art und Weise, wie die in ihnen zusammengebrachten Kunstwerke im Raum präsentiert und wahrgenommen werden. Dabei spielt die Interaktion einzelner Werke oder Werkgruppen an der Wand, aber auch die Beleuchtung, die Wandfarbe oder die Rahmung eine Rolle.
Diese Aspekte behandelt die Ausstellung »Double Vision. Albrecht Dürer & William Kentridge«, die in Kooperation zwischen dem Berliner Kupferstichkabinett und der Kolleg-Forschergruppe »BildEvidenz. Geschichte und Ästhetik« an der Freien Universität Berlin vorbereitet wurde. Die Ausstellung ist zentraler Bestandteil und zugleich auch Untersuchungsgegenstand des auf drei Jahre angelegten Forschungsprojektes »Evidenz ausstellen«. Es wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und bietet den beiden Kooperationspartnern die Möglichkeit, die sinnstiftenden Faktoren und Prozesse innerhalb der Präsentationsform der Ausstellung zu untersuchen. Innovativ ist das Vorhaben vor allem darin, dass es diese Fragestellung auf die Druckgrafik bezieht, handelt es sich doch hier um ein künstlerisches Medium, das aufgrund seiner technischen Verfahren, Materialität und Verbreitung an ganz andere, medienspezifische Wahrnehmungs- und Präsentationsbedingungen geknüpft ist als etwa Malerei, Skulptur oder Fotografie.
Im Mittelpunkt der Schau stehen ausgewählte druckgrafische Arbeiten von Albrecht Dürer (1471-1529) und William Kentridge (geb. 1955 in Johannesburg), einem der renommiertesten Künstler unserer Zeit. Der Südafrikaner mit europäischen Wurzeln machte sich seit den 1990er-Jahren vor allem durch filmische, auf Kohlezeichnungen basierende Arbeiten einen Namen. In Berlin besonders bekannt sind etwa sein Film »Journey to the Moon« (2003) in der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart oder die multimediale Installation »Black Box/Chambre Noire«, die vor zehn Jahren in der Ausstellungshalle der Deutschen Guggenheim Berlin gezeigt wurde.
Die Druckgrafik von William Kentridge rückte bei den zahlreichen Ausstellungen zu seinem Werk bislang selten in den Fokus, sie hat jedoch eine intensive Betrachtung mehr als verdient. In den späten 1970er-Jahren, noch bevor sich Kentridge über das Medium der Zeichnung schrittweise zum Filmkünstler entwickelte, hatte er druckgrafische Techniken wie die Radierung und den in Südafrika sehr populären Linolschnitt erlernt und gelehrt. Seitdem hat er ein reiches Ouvre geschaffen, das seine weiteren künstlerischen Aktivitäten nicht nur begleitet, sondern eigene Akzente setzt.
Dass dabei für »Double Vision« (der Titel der Ausstellung geht auf eine Arbeit Kentridges zurück) gerade Albrecht Dürer als Dialogpartner ausgewählt wurde, ist kein Zufall. Zum einen hat Kentridge, der gegenüber der europäischen Kunstgeschichte sehr aufgeschlossen ist, gewisse Bildfindungen Dürers in seinem Werk rezipiert und transformiert - wie zum Beispiel dessen berühmtes »Rhinozeros« (1515). Zum anderen ist Dürer, der von Erasmus von Rotterdam als »Apelles des Schwarz-Weiß« bezeichnet wurde, die herausragende, neue Maßstäbe setzende Gestalt in der neuzeitlichen Druckgrafik um 1500. Gerade an seinem Werk lassen sich die besonderen künstlerischen Möglichkeiten und Herausforderungen, wie sie der Holzschnitt, der Kupferstich oder auch die Radierung bieten, exemplarisch ablesen. Der exzellente Bestand des Kupferstichkabinetts an Dürer-Grafik (insgesamt ca. 1500 Werke) lieferte bei der Vorbereitung der Ausstellung eine optimale Basis.
Über die Jahrhunderte und alle kulturellen Unterschiede hinweg entstanden zwei Visionen druckgrafischer Kunst, die in der Ausstellung in einen dynamischen Dialog gebracht werden. Die Präsentation, die insgesamt 120 Werke von Albrecht Dürer und William Kentridge umfasst, gliedert sich dabei in sieben Themenbereiche, in denen die inhaltlichen, ästhetischen und drucktechnischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der vorgestellten Arbeiten anschaulich gemacht werden. Die Gestaltung der Ausstellungsräume, die gemeinsam mit dem Wiener Architekturbüro Holodeck entwickelt wurde, unterstützt mittels unterschiedlicher Präsentationsformen die Ausstellungsthemen und zielt auf dynamische Wechselbeziehungen zwischen den Werken und ihren Betrachtern.
Die Rolle des Betrachters wird schon im ersten Raum mit dem programmatischen Titel »Perspektiven eröffnen« deutlich akzentuiert. Die Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Bildperspektiven und den Prozessen visueller Wahrnehmung nimmt im Schaffen von Dürer und Kentridge einen zentralen Platz ein. Die Zusammenführung der Illustrationen Dürers für sein theoretisches Werk »Underweysung der Messung« (1525) mit anamorphotischen und stereoskopischen Arbeiten von Kent ridge thematisiert den dynamischen Zusammenhang von Sehen und Erkennen und sensibilisiert den Betrachter für seine jeweilige Perspektive, für seinen Anteil an der Sinnstiftung jedes einzelnen Bildes. In »Stereoscopic Portfolio: 2. Étant donné« (2007) - einem von Kentridges stereoskopischen Werken zur »Underweysung der Messung« - wird die scheinbare Unschuldigkeit und Sachlichkeit des perspektivisch gelenkten Wahrnehmungsaktes deutlich relativiert. Dies geschieht zum einen durch den voyeuristischen Blick des männlichen Betrachters und zum anderen durch den Titel der Arbeit, der einem thematisch verwandten Werk von Marcel Duchamp entlehnt wurde.
Es folgen Werke, die die Frage der Gewissheit bzw. Ungewissheit des Sehens im Akt der visuellen Wahrnehmung verhandeln. Kentridges über vier Meter langer Bilderfries »Portage« zeigt eine Prozession von Schattenrissfiguren, deren markante Konturen nicht durch präzise Schnitte mit der Schere entstanden sind, sondern dadurch, dass der Künstler Streifen und Stücke aus einer schwarzen Pappe gerissen und diese zu Figuren zusammengesetzt hat. Diese Gebilde, die sich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, zwischen definierten Umrissen und unbestimmten Formen bewegen, führen beim Betrachter zu einem unaufhörlichen Pendeln zwischen einem gegenstandserkennenden Sehen und einem Sehen, das auf die autonomen Formen im Bild fokussiert. Der Rezipient bleibt letztlich unsicher in der genauen Bestimmung dessen, was er sieht.
Auch Dürer hat in seinen Druckgrafiken und Zeichnungen immer wieder das Verhältnis zwischen der formbildenden und der epistemischen Kraft der Linie ausgelotet, so etwa in der »Buße des heiligen Johannes Chrysostomos«. Der mittelalterlichen Legende zufolge soll der Kirchenvater trotz seines Keuschheitsgelübdes die Tochter des Kaisers, die sich im Wald verirrt hatte, verführt und anschließend vom Felsen gestoßen haben. Dürer zeigt Chrysostomus, der als Buße für diese doppelte Todsünde gelobte, so lange nackt am Boden zu kriechen, bis Gott ihm vergeben habe, als kleine Figur im Hintergrund. Das Hauptaugenmerk ruht auf der wundersam geretteten, jungen Frau, die ihr Kind stillt. Die sie umgebenden Felsen zeigen latent anthropomorphe Formen - so ist etwa ein nackter weiblicher Oberkörper zu erkennen -, und wirken wie ein Reflex auf die dargestellte Heiligenlegende. Die Dürer-Forschung hat diese merkwürdige Bildfindung als einen allegorischen Kommentar des Künstlers zur menschlichen Sexualität und zur Unhaltbarkeit des Zölibats gedeutet. Bei Kentridge ist die Erfahrung des ungewissen Sehens eng verknüpft mit der mutmaßlichen Lebenswelt der Dargestellten, seien es Reisende, Migranten oder Trauernde, die ohne erkennbares Ziel dahinziehen. Und auch Dürer spielt mit der Unbestimmtheit von Formen und ihrer Bedeutung in einer Zeit, in der die Kritik an der Kirche und der Ruf nach Reformen immer lauter wurden.
Außerdem zeigt die Ausstellung Kentridges so humorvolle wie abgründige Adaptionen des berühmten »Rhinozeros«-Holzschnittes von Dürer sowie dessen monumentale »Ehrenpforte« für den Habsburger-Kaiser Maximilian I., auf die Kentridge in seinen jüngsten Arbeiten mit großformatigen Bäumen Bezug nimmt.
Das Zentrum der Ausstellung bildet der »Denkraum der Bilder«, der mit Dürers »Melencolia I« und verschiedenen Arbeiten von Kentridge die gänzlich anders gelagerten Konzepte künstlerischen Schaffens der beiden Protagonisten thematisiert.
Die Ausdruckskraft schwarz-weißer Bilder wird im Vergleich unterschiedlicher Druckverfahren wie Holz- und Linolschnitt, Lithografie und Radierung in der Sektion »Schwarz drucken, weiß sehen« anschaulich. Hier wird Kentridges monumentaler Linolschnitt »Walking Man« aus dem Jahr 2000 gezeigt, aber auch - in zwei Fassungen - Dürers um 1498 geschaffener, rätselhafter Kupferstich des »Herkules am Scheideweg«. Das Werk zeigt eine Kampfszene, bei der sich die Allegorie der Tugend, die mit einem Schwert bewaffnet ist und zudem von Herkules unterstützt wird, und die der mit einem Satyr am Boden gelagerten Wollust gegenüberstehen. Besonders interessant ist das un vollendete Exemplar aus dem Bestand des Kupferstichkabinetts, bei dem einige der Figuren, so der Satyr unten links, erst mit wenigen gestochenen, schwarz gedruckten Linien angelegt sind. Gerade solche Leerstellen verdeutlichen, dass der Papierton bei der Wirkung jeder Druckgrafik eine wesentliche Rolle spielt: Modelliert durch das Schwarz der Linien, trägt er zur Ausdifferenzierung von Licht- und Schattenpartien und damit zur Struktur, Plastizität und Räumlichkeit von Figuren und Landschaft entscheidend bei. Während Dürers Werk zur nahsichtigen Vertiefung in einen komplexen, gestaffelten Bildraum animiert, entwickelt Kentridge seinen »Walking Man«, - einen fast lebensgroßen schwarzen Mann mit einer Baumkrone an Stelle des Kopfes - dem Medium des Hochdrucks entsprechend als schattenrissartige, dadurch extrem plakative Setzung. Die Figur, die wie ein Riese den Horizont überragt, ist mit nur wenigen Schnitten (das Weiß des Papiers freilegend) hinsichtlich ihrer Bekleidung charakterisiert. Der Hintergrund dagegen wurde feinteilig ausgearbeitet, am nachtschwarzen Himmel sind einige Wolken und die Blätter des Baumes zu erkennen. Das für Kentridges Kunst so wesentliche Moment der Bewegung und Veränderung verdichtet sich in dem Motiv des kraftvoll nach rechts schreitenden Mannes, der sich gerade in einen Baum zu verwandeln scheint. Vor dem Hintergrund der Situation im Südafrika der Post-Apartheid besitzt die Arbeit sozialpolitische Implikationen. Handelt es sich um eine Allegorie des Aufbruchs - oder der Flucht - der so lange diskriminierten schwarzen Bevölkerung?
Es ist bemerkenswert, wie beide Künstler auf ihre ganz eigene Weise das spannungsreiche Zusammenspiel von schwarzen Linien oder Flächen auf weißem Papier für die Ausformulierung ihrer Sujets und Botschaften nutzen. Von Kentridges kritischem Rückblick auf die Moderne, deren Selbstbild als rationale und zivilisierte Epoche er in seinen Arbeiten in Frage stellt, verändert sich dabei in der Ausstellung der Blick auf die Kunst Albrecht Dürers, der zu Beginn der Neuzeit die tiefgreifenden politischen, religiösen, gesellschaftlichen und medialen Umbrüche in seinen meisterhaften Druckgrafiken reflektierte.

Andreas Schalhorn und Elke Anna Werner
Double Vision: Albrecht Dürer & William Kentridge, Kupferstichkabinett, 20. November 2015 bis 6. März 2016
Aus MuseumsJournal 4/2015, Ausstellungen