1 | 2017 Januar – März

Das Erbe der alten Könige. Ktesiphon und die persischen Quellen islamischer Kunst

Wie sind islamische Kulturen, wie ist die islamische Kunst entstanden? Wo sind ihre Quellen? Ähnlich wie der Islam als Religion baut auch die islamische Kunst auf den Vorgängerkulturen des Nahen Ostens auf. Diese Ausstellung widmet sich dem persischen Erbe im Islam anhand von Ktesiphon, einer gigantischen Ruinenlandschaft südlich von Bagdad.
 
Unbekannter Fotograf, Bogenhalle (Taq-e Kesra) der Königspalastes von Ktesiphon, 1932. Museum für Islamische Kunst SMB
Die Ausstellung widmet sich dem altpersischen Vermächtnis in der islamischen Kunst und Kultur anhand von Ktesiphon, einer weitläufigen Ruinenlandschaft nur 35 km südlich von Bagdad im Irak. Die Stadt war Krönungsort und Hauptresidenz der Dynastie der Parther (247 v.Chr.–224 n.Chr.) und Sasaniden (224–651 n. Chr.). Mehr als einhundert Objekte verdeutlichen eindrucksvoll den kulturellen Wandel, der sich von den letzten iranischen Herrschern des Altertums, den Sasaniden, bis in die frühislamische Zeit vollzog.
Ktesiphon, die vergessene Königsstadt, erstreckt sich weitläufig entlang des Tigris; muslimische Geografen sprachen von ihr als al-Mada’in (»die Städte«). Überragt von der monumentalen Bogenhalle des Königspalastes ist sie bis heute ein Sinnbild von Größe und Niedergang des Sasaniden-Reiches, einer uns wenig bekannten Großmacht im alten Iran. Sie konkurrierte über Jahrhunderte mit Rom und Byzanz. Mit den Eroberungszügen der arabischen Heere veränderten sich im 7. Jh. n. Chr. die politischen Machtverhältnisse grundlegend. Der letzte vorislamische iranische König (Schah) wurde 651 ermordet und die Kalifen traten sein Erbe an. Ktesiphon blieb zunächst Sitz eines Gouverneurs, aber mit der Gründung Bagdads (762 n. Chr.) verlor die Stadt rasch an Bedeutung. Eines der wichtigsten Reiche der Geschichte geriet damit in Vergessenheit.
Die Ausstellung zeigt, dass die bestehende Kultur nicht einfach zu Ende ging und die neue Kultur nicht aus dem Nichts entstand. Ausgehend von einem Panorama der Welt um 600 n. Chr. führt sie in eine multiple Kulturlandschaft ein und illustriert das Fortleben von Techniken, Ideen und Motiven. Vieles wurde übernommen, diente als Vorbild für Neues. Anderes verschwand im Dunkel der Geschichte. Die Zeit überdauert hat die mächtige, 35 Meter hohe Bogenhalle des Königspalastes, der Bogen des Khosrou (Taq-e Kesra). Er überstrahlt weiterhin sichtbar die versunkene Stadtlandschaft und bestimmt die Architektur der islamischen Welt bis in die jüngste Vergangenheit. Von Kairo bis Samarkand finden sich solche offenen Hallen in privaten Häusern und öffentlichen Gebäuden. Der Taq-e Kesra ist in der islamischen Rezeption Symbol für die Vergänglichkeit von Größe und Macht. Hier hatte der sasanidische Schah-en-Schah, der König der Könige, prachtvoll Hof gehalten. »Schachmatt!« – persisch für »der König starb« –, aber in Epen und Legenden lebte er weiter. Bekannteste Beispiele sind das Schahname (Buch der Könige), das 350 Jahre nach dem Tod des letzten Herrschers entstand und ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist.
Einige der Objekte kommen direkt aus dem legendären Königspalast oder seiner nahen Umgebung und werden zum Teil erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Das Museum für Islamische Kunst führte mit der Deutschen Orient-Gesellschaft 1928/29 und dem New Yorker Metropolitan Museum of Art 1931/32 zwei Ausgrabungskampagnen in verschiedenen Stadtbereichen von Ktesiphon durch. Zutage kamen neben einem parthischen Friedhof repräsentative Bauten, zahlreiche Wohnviertel und eine Kirche aus spätsasanidischer und frühislamischer Zeit. Durch Fundteilung gelangten 16000 Objekte nach Berlin. Damit ist das Berliner Museum für Islamische Kunst vielleicht das einzige seiner Art weltweit, das sich explizit auch dem vorislamischen Erbe widmet. Grund dafür ist ein berühmtes Geschenk des osmanischen Sultans aus dem Jahr 1903: die reich ornamentierte Fassade des frühislamischen Wüstenschlosses Mschatta. Das Hauptkunstwerk des Museums zeigt deutlich, wie die neue Kultur die spätantike Formenwelt zwischen Mittelmeer und Iran zusammenführte. Die Entstehung der islamischen Kunst im Kontext der antiken Kulturen wurde zum Forschungsfeld der Museumsmitarbeiter. Ktesiphon war dafür ein wichtiger Fundort. Quasi aus der Grabung heraus wurden 1932 einige Objekte restauriert und anschließend in der neuen Dauerausstellung im Pergamonmuseum präsentiert.
Nun haben sich drei Jahre lang Forscher verschiedener Disziplinen im Rahmen der Topoi-Forschergruppe »Fragments, Ruins and Space: the Perception and Representation of Ancient Spaces in Modern Contexts« mit den Funden auseinandergesetzt – eine »Grabung« in den Museumsdepots mit vielen Entdeckungen. Die Objekte wurden registriert, fotografiert und einige intensiv untersucht. Dabei interessierte unter anderem, wie Fragmente aus den Grabungen einst zu Exponaten zusammengefügt wurden. Wie ging man damals mit Fehlstellen um, wie heute? Aufgrund der schlechten Funddokumentation stellte sich ebenfalls die Frage nach der Rekonstruktion architektonischer Zusammenhänge und des urbanen Raumes. Zentral war auch die Fragestellung, wie übergreifende kulturhistorische Zusammenhänge dem heutigen Publikum vermittelt werden können. Welche Relevanz haben sie für unsere Zeit? 17 Berlinerinnen und Berliner haben mit dem Museumsteam über mehrere Monate hinweg diskutiert und ihre Fragen und ihr Wissen zu den Objekten und Ktesiphon eingebracht. Welches Erbe hinterließen die alten Könige in islamischer Zeit – in Kunst, Architektur, Dichtung und im kollektiven Gedächtnis? Die verschiedenen Perspektiven auf das Material kommen in der Ausstellung zur Geltung. Und warum ist dies für uns heute wichtig? Islamische Kulturen wurzeln in spätantiken Entwicklungen vom Mittelmeer bis in den Iran – Wurzeln, die auch die europäischen sind.

Ute Franke und Stefan Weber
Das Erbe der alten Könige. Ktesiphon und die persischen Quellen islamischer Kunst, Museum für Islamische Kunst, bis 2. April 2017
Aus MuseumsJournal 1/2017, Ausstellungen