3 | 2017 Juli – September

Lucian Freud. Closer

Lucian Freud (1922 bis 2011), geboren in Berlin, zählt zu den international vielbeachteten Malern des 20. Jahrhunderts und zu den bekanntesten Künstlern Großbritanniens. In einer Zeit als das Abstrakte in der bildenden Kunst vorherrschend war, hielt er am Figurativen fest. In seinem Frühwerk orientiert er sich am Surrealismus sowie an der Neuen Sachlichkeit.
 
Lucian Freud, Pluto, 1988. Radierung, 42 x 68,6 cm. UBS Art Collection
© The Lucian Freud Archive/Bridgeman Images.
»Es gibt einen Unterschied zwischen Fakt und Wahrheit. Wahrheit hat ein Element von Offenbarung. Wenn etwas wahr ist, beeindruckt es einen mehr als durch sein bloßes >Sosein<.« Lucian Freud

Lucian Freud (1922 bis 2011), geboren in Berlin, zählt zu den international vielbeachteten Malern des 20. Jahrhunderts und zu den bekanntesten Künstlern Großbritanniens. In einer Zeit als das Abstrakte in der bildenden Kunst vorherrschend war, hielt er am Figurativen fest. In seinem Frühwerk orientiert er sich am Surrealismus sowie an der Neuen Sachlichkeit. Ab dem Jahr 1952 findet er zu seinem eigenen Bildcharakter, der sich durch einen realistischen Detailreichtum auszeichnet. Freuds künstlerischer Schwerpunkt liegt in der Porträtmalerei, im Malen von Körpern und Köpfen.
Sitzend, liegend, oft ruhend, nie posierend, hält Freud die Körper oder Gesichter seiner Modelle fest. Sein Blick ist geprägt von ungeschminkter Genauigkeit. Seine Darstellungen sind abseits von Schönheitsidealen ebenso wie von tradierten Darstellungen des menschlichen Körpers, wie er durch die Kunstgeschichte Jahrhunderte lang geprägt war. Sein Werk ist so eigen, dass es kaum zu kategorisieren ist; sein Blick auf Modelle so individuell wie Menschen sind. »Ich male Menschen nicht, weil sie so sind, auch nicht unbedingt, obwohl sie so sind, sondern wie sie nun einmal sind«, so Freud in einem Gespräch mit dem britischen Kunstkritiker William Feaver.
Berühmt wird Lucian Freud durch sein malerisches Werk. Bestechend ist die Intensität seiner Bilder. Freud erzielt sie durch einen nahezu schonungslosen Realismus und eine kompromisslose Deutlichkeit: Er erfasst jede Falte, jede Wölbung, jede Narbe, jede Unebenheit. Er malt, zeichnet und radiert Männer wie Frauen. Bereits zu Lebzeiten erzielen seine Gemälde auf Auktionen Höchstpreise. 2001 porträtiert er Königin Elisabeth II. Es ist das einzige Porträt, das außerhalb seines Ateliers entsteht.
Zu seinem Ouvre gehört auch ein druckgrafisches Werk. Erstmals ist es in seiner Geburtsstadt, die er 1933 mit seinen Eltern und Geschwistern aufgrund der Machtübernahme der Nazis verließ, zu entdecken. Ab 1982 wird die Radierung integraler Bestandteil seines künstlerischen Schaffens und zu einer Erweiterung seiner Arbeit als Maler. Über 50 Radierungen, die meisten sind zwischen 1982 und 2001 und in Schwarz-Weiß entstanden sind in der Ausstellung zu sehen, die eine Hommage an die Vergänglichkeit ist und an Frauen und Männer, deren Körper und Gesichter vom Leben erzählen.
In Lucian Freuds Werk ist der Unterschied zwischen der Darstellung nackter Körper und Porträt bedeutungslos. Es gibt keinen beschönigenden Schicklichkeitsabstand. Sein Blick ist nah und intim und zugleich distanziert, obgleich Freud nur Menschen porträtiert, die ihn neugierig machen und die ihm nahestehen. Meist sind es Freunde oder Familienangehörige, oft seine Mutter, aber auch die Natur und Tiere wie sein Whippet-Jagdhund Pluto. Ein Aquarell und zwei Gemälde sind in der Ausstellung zu sehen, darunter eines seiner Meisterwerke. »Double Portrait« (1988/90) zeigt eines seiner favorisierten Modelle, Susanne Chancellor, mit Pluto.
Ab den 1980er-Jahren fertigt er oft Gemälde und Radierung desselben Motivs an. So ist die Einzeldarstellung von Susanna und Pluto auch in seinem druckgrafischen Werk mit dem Titel »Pluto« (1988) zu finden. Die Ergebnisse sind dennoch sehr unterschiedlich. In der Radierung legt er sein Hauptaugenmerk auf das Wesentliche: das Modell. Jedes Beiwerk ist eliminiert. Die dargestellte Person liegt, sitzt oder steht auf einer leeren weißen Fläche. Sie ist - wie bei Rembrandt, den Freud verehrt - ihres Umfelds entzogen. Auch auf dem Blatt »Large Sue« (1995) lässt er jeden Gegenstand fort und konzentriert sich allein auf die Darstellung eines im Sessel schlafenden Menschen. Der füllige Körper scheint auf dem Blatt zu schweben. Und gleichzeitig holt ihn die Schwerkraft ein - Brüste und Bauch hängen nach unten, die den Kopf stützende Hand schiebt die Wange nach oben. Mit dem Modell Sue Tilley entstehen einige seiner erstaunlichsten und berühmtesten Bilder. Freud ist fasziniert von ihrer Körperfülle und den ungewöhnlichen Proportionen. Die in der Ausstellung zu sehende Radierung entsteht zeitgleich mit dem Gemälde »Schlafend vor dem Löwenteppich« (1996). In der Radierung geht er einen Schritt weiter als im Gemälde. Die Herausforderung für Freud besteht darin, die Körperlichkeit und Lebendigkeit, die seinem Werk eigen sind, ins Lineare und ins Schwarzweiß zu übertragen.
Für gewöhnlich ist die Radierung ein Medium, das sich für eine detailreiche, präzise Darstellung anbietet. Radierungen zeichnen sich durch einfache, feine, schwarze Linien aus, die in Kupferplatten geritzt werden, Rillen erzeugen, die durch Säure vertieft, mit Farbe gefüllt und auf Papier gedruckt werden. Das Motiv muss spiegelverkehrt eingraviert werden, Fehler sind kaum korrigierbar.
Verändert Freud bei seinen Gemälden die Richtung der Pinselstriche, so erzielt er in der Radierung einen ähnlichen Effekt indem er den Abstand der Linien zueinander verändert, sie vereinzelt, bündelt, mehrfach wiederholt oder intensiv schraffiert. So gelingen ihm Schwarz-Weiß-Darstellungen, die atmen und so lebendig und vertraut wirken, als sitze oder läge der Mensch just neben uns.
Für Freud ist Realismus keine Abschwächung, sondern eine Belebung und Steigerung des Bewusstseins der Betrachter. Wie mit einem Brennglas macht er uns auf das Normale aufmerksam, auf das Normale und Unperfekte. Sein Werk strebt nach Wahrheit und ist ein wohltuendes Statement, auch gegen den heutigen Schönheits- und Supermodelkult.

Susanne Rockweiler, Mary Rozell
Lucian Freud. Closer, Martin-Gropius-Bau, 22. Juli bis 22. Oktober 2017
Aus MuseumsJournal 3/2017, Ausstellungen