3 | 2017 Juli – September

Friesische Kulturtage. InselWesen und InselAlltag

Am 24. August 2017 findet im Museum Europäischer Kulturen die Eröffnung der 15. Europäischen Kulturtage statt. In diesem Jahr werden in vier Wochen die Frieslande und ihre in Norddeutschland und den Nordniederlanden wohnenden Menschen mit Lesungen, Konzerten, Gesprächen, Vorträgen und kulinarischen Genüssen vorgestellt.
 
Mila Teshaieva, Magus in der Vogelkoje, Föhr 2014/15.
© Mila Teshaieva
Anlass dafür ist die Präsentation »InselWesen« in der Ausstellungsreihe »Europabilder« (MJ 3/2013 und 3/2016). Das Ausstellungsformat zeichnet sich durch die Verbindung von zeitgenössischer Fotografie und ethnografischer Befragung aus. Durch diese künstlerisch-wissenschaftliche Methode entstehen Dokumentationen des Alltagslebens im Europa des 21. Jahrhunderts, die sowohl kulturanthropologisch interessant als auch künstlerisch anspruchsvoll sind.
In der Ausstellung sind Bilder der Fotografin Mila Teshaieva zu sehen. Die 1974 geborene Künstlerin hat während eines mehrjährigen Aufenthaltes als artist in residence Bewohner der nordfriesischen Insel Föhr beobachtet, gesprochen und fotografiert. Die Aufnahmen zeigen Menschen bei ihrer Arbeit, im Gespräch oder im häuslichen Umfeld. Teshaievas künstlerische Ausdrucksmittel spiegeln sich in ihren außergewöhnlichen Bildern. Eigentlich könnte man sie als ethnografische Aufnahmen bezeichnen, denn wir sehen die Personen in ihrem normalen Habitat. Die spezielle Ausleuchtung und Komposition allerdings verleihen den Dargestellten eine beinahe mystische Präsenz.
So wird der Krabbenfischer in seiner Arbeitskleidung mit den Fischreusen während des alltäglichen Geschäfts aufgenommen. Die Komposition des Bildes und die Lichtführung lassen eine gemäldeartige Aufnahme entstehen. Ebenso verhält es sich mit dem Vogelkojen-Betreiber. Er unternimmt mit seinem Hund einen Beobachtungsrundgang entlang den speziellen Fangkanälen. Diese Arbeit in der Vogelkoje betreibt er täglich, sie ist also für ihn nichts Besonderes, und so wird er auch aufgenommen. Dennoch haben die Betrachter hier das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen.
Der Krabbenfischer und der Vogelkojen-Betreiber sind reale Menschen, auch wenn sie einer heute kaum noch üblichen Beschäftigung nachgehen. So ist der Krabbenfischer der Einzige auf der Insel Föhr, der diese traditionelle Arbeit noch betreibt - wenn auch nicht mehr zum alleinigen Broterwerb, den er als Hochseefischer verdient. Die Vogelkoje ist eine der letzten ihrer Art nicht nur auf Föhr, sondern in ganz Nordfriesland. Die Entenfangmethode, die nachweislich seit dem 17. Jahrhundert auf der Insel angewandt wurde, hatte ihre Hochphase in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhundert bis in die 1940er-Jahre.
Die genossenschaftlich organisierten Pächter, die sich eine Vogelkoje teilten, bedienten sich einer bis ins letzte Detail ausgeklügelten Fangtechnik, die äußerst umweltangepasst, arbeitsintensiv und erfolgreich war. Die Fangergebnisse an wildlebenden Enten waren so hoch, dass es eine Entenfleisch verarbeitende Industrie gab, die Konserven produzierte. Diese waren ein wichtiges Erzeugnis auch für den Export. Viele Inselbewohner wanderten im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus, überwiegend in die USA. Viele von ihnen betrieben dort Delikatessengeschäfte, in denen sie unter anderem Entenfleischkonserven verkauften.
Auch die Festtagskleidung der Föhrer Frauen hatten es der Fotografin angetan. Das Tragen der Tracht ist hier zu besonderen Anlässen durchaus noch üblich. Zur Konfirmation darf sie von den Mädchen zum ersten Mal vollständig angelegt werden, das heißt mit dem wertvollen Silberschmuck. Der etwa zweistündigen Ankleideprozedur unterziehen sie sich gern, fühlen sie sich mit dieser besonderen Kleidung doch herausgehoben aus dem Üblichen und Alltäglichen. Auch bei Hochzeiten wird die Tracht sehr häufig getragen. Fast jede Familie besitzt sie; gegebenenfalls leiht man sie sich untereinander aus. Auf Föhr gibt es mehrere Trachten- und Tanzgruppen, in denen diese spezielle Kleidung zusammen mit der Musik gepflegt wird. Die Friesen lieben ihre Traditionen, ihr Umgang damit ist aber sehr realitätsnah, engagiert, keinesfalls rückwärtsgewandt. So stoßen gelegentlich Tracht und modernes Körperdesign aufeinander und sorgen für Begeisterung, Skepsis oder Ablehnung.
Die Begeisterung für die trachtentragenden Frauen und Mädchen an der Nordsee teilt MilaTeshaieva mit Generationen von Fotografen. Mit dem expandierenden Tourismus, der Ende des 19. Jahrhunderts die Seebäder auch an der Nordsee aufblühen ließ, stieg der Bedarf an Souvenirs und Postkarten. Was suchten die Reisenden am Meer? Die wollten sich von ihrem Alltagsstress erholen und genossen das gesundheitsfördernde Klima und auch das Schwimmen im Meer. Körperliche Entspannung ging einher mit dem Wunsch nach dem Erleben vermeintlich idyllischer, also nicht alltäglicher Lebensformen. Das Tragen von Trachten war mit der Industrialisierung - begleitet von einer Landflucht, die große Teile der ländlichen Bevölkerung zum Arbeiten und Wohnen in die Städte auswandern ließ - nicht mehr en vogue. Gerade aber der Tourismus bescherte den Regionen, die zu Urlaubszielen wurden, einen denkmalpflegerischen Umgang mit Traditionen. Mit der Folklorisierung bestimmter Feste und Rituale wie auch von Trachten konnte man einerseits die Touristen begeistern. Andererseits wurden solche Traditionen von den Bereisten zur mentalen Abgrenzung von den Urlauberscharen genutzt.
Die Heimatschutzbewegung, die um 1900 entstand, spiegelt genau diese Aspekte. »Es ist der Blick des reisenden Städters [.], der insbesondere nach pittoresken Landschaften und Menschen mit bildwirksamer Kleidung oder Tätigkeit suchte. [.] Der technische Fortschritt ist in diesen Bildern konsequent ausgeblendet, als bildwürdig galt eine vorindustrielle Lebensweise, die sich beispielsweise im Tragen lokaler Trachten oder der Ausübung traditionell überlieferter Arbeiten in Fischfang und Landwirtschaft manifestiert.«
Hinzu kam der Bewahrungsgedanke in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu ethnoregionalen Ausprägungen von friesischem Volkstum, bei denen Bilder und Ansichten konstruiert und propagiert wurden, die sich zu einem großen Teil bis heute erhalten haben. So spielen auch sie in der Minderheitenpolitik eine Rolle und selbstverständlich prägen sie die imaginäre Wahrnehmung (nicht nur) der Touristen.
In diesem Sinne wird die Ausstellung »InselWesen« durch einen kommentierenden, kulturanthropologisch angelegten Ausstellungsteil »InselAlltag. Einblicke in friesische Lebenswelten« ergänzt. Die Porträtierten werden hierfür mittels Fragebogen zu ihren Gewohnheiten, ihren Traditionen und dem Umgang mit diesen sowie den Alltäglichkeiten befragt. Dabei spielt ihre Berufstätigkeit eine ebensolche Rolle wie die individuelle Bedeutung von traditioneller Ausprägung, Ernährung, Kleidung oder gesellschaftlichem Engagement. Mit filmischen Interviews werden einige Föhringer, die auf den Fotos zu sehen sind, vorgestellt. Aufgenommen in ihrer häuslichen Umgebung sprechen sie über individuelle Befindlichkeiten und Ansichten. Dabei erzählen sie unter anderem über ihren Bezug zur Sprache und Mehrsprachigkeit, über persönliche Erfahrungen bei der Integration in das Inselleben, über ihre Sorgen um die Zukunft, führen aber auch mit Stolz ihre speziellen Arbeitswelten vor, wie Magnus, der die Vogelkoje betreibt, und Claus, der den Fischgarten präsentiert. Darüber hinaus stellen sie Gegenstände für die Ausstellung zur Verfügung, mit denen sie ihre individuelle Identität ausdrücken und die für sie von besonderer Bedeutung sind. Das reicht von geerbten Familienstücken über Fotos und andere Bilder bis zu gefundenen Versteinerungen oder der Lieblingsstrickmütze. Eine Festtagstracht von Föhr und eine Alltags- und Arbeitstracht, die heute nur noch sehr selten erhalten sind, bereichern die Ausstellung.
Zu den Kulturtagen und während der gesamten Laufzeit der Ausstellung finden zahlreiche Veranstaltungen statt, die - wie die Ausstellung selbst - Einblicke in das Alltagsleben gewähren.

Irene Ziehe

Friesische Kulturtage. InselWesen und InselAlltag, 25. August 2017 bis 2. April 2018
Aus MuseumsJournal 3/2017