3 | 2017 Juli – September

Käthe Kollwitz und ihre Freunde

Zum 150. Geburtstag von Käthe Kollwitz lenkt das Käthe-Kollwitz-Museum Berlin in diesem Sommer die Aufmerksamkeit auf bekannte sowie weniger bekannte Persönlichkeiten im Umfeld der Künstlerin. Diese Freunde von Käthe Kollwitz kamen aus den verschiedenen Bereichen und Kreisen ihres Lebens und vertraten unterschiedliche politische Überzeugungen; die Fragen, die sie bewegten, sind vielfach noch heute aktuell.
 
Käthe Kollwitz, Sitzende Frau, 1897. Kohle- und Federzeichnung, 33,9 x 26,8 cm. (Detail)
Privatbesitz
In den letzten Jahren ist durch die Veröffentlichung von Selbstzeugnissen von Käthe Kollwitz eine neue Tiefe in der Betrachtung ihrer Arbeitsweise und ihres Umfeldes erreicht worden. In Nachlässen weltweit sind ihre Briefe zu finden, einige sind ediert, viele jedoch nicht: ein Kosmos, dessen Erforschung sich das Museum verschrieben hat. Ein erster Schritt auf diesem Weg ist diese Ausstellung.
Es geht um Freundschaften aus allen Lebensphasen und aus verschiedenen Generationen, auch um solche, die nicht nur die künstlerische Arbeit, sondern auch ihre privaten Interessen berührten. Von besonderem Reiz sind Bezüge der Freunde untereinander und zu Zeitereignissen. Eine frühe Freundin von Käthe Kollwitz war Marianne Fiedler. Die Zeit mit ihr war mit den heiteren Studienjahren von Herbst 1888 bis zum Frühjahr 1890 in München verbunden. Durch die Entdeckung des Nachlasses können bisher unbekannte Werke aus der Studienzeit der beiden Grafikerinnen erstmals öffentlich gezeigt werden. Käthe Kollwitz selbst schrieb rückblickend über ihre Münchener Zeit: »Ich ging zu Herterich in die Künstlerinnenschule. Seine geistvolle Art des Unterrichtens, das ganze lustige Münchner Leben, der Verkehr mit Leuten wie Greiner, Fiedler, Kögel und anderen mehr war wie frisches Wasser.«
Bereits im Sommer 1886 lernte Käthe Kollwitz den Schriftsteller Gerhart Hauptmann kennen, doch es wurde keine innige Freundschaft daraus, dafür eine umso fester gefügte distanzierte. Hauptmanns »Weber« inspirierten sie zu ihrem ersten grafischen Zyklus, mit dem sie 1898 den künstlerischen Durchbruch erlebte. Im Herbst 1943 schrieb Kollwitz ihren letzten Brief an ihn. Hauptmann resümierte ihre Beziehung 1942 als »geistige Verbundenheit«.
Zwischen »Frau Kollwitz« und dem sechs Jahre älteren Publizisten »Herrn Elias« (Julius Elias) entwickelte sich bald ein vertrauensvolles Verhältnis. Er gilt als ihr Entdecker, bemerkte ihre Arbeiten auf der Kunstausstellung 1893, schrieb und veröffentlichte lobende Worte. Zu ihm ging sie, um ihm die Blätter des »Weberaufstands« vorzulegen. Sie folgte seinem Rat, das symbolische siebte Endblatt zu verwerfen.
Anders war ihr Verhältnis zu dem 20 Jahre älteren Max Liebermann, der zu ihren Förderern zählt. Als Vorsitzenden der Secession ebenso wie später in seiner Tätigkeit als Akademiepräsident betrachtete sie ihn immer auch kritisch. Hier zeigt sich, wie fließend die Übergänge zwischen Bekanntschaft und Freundschaft sein konnten: Nach 1933, als andere sich von Liebermann abwandten, hielt sie zu ihm, zeigte Mitgefühl für ihn und seine Familie.
An den vor einhundert Jahren vieldiskutierten Fragen der Lebens- und Bildungsreform, die mit den Forderungen nach der freien geistigen und körperlichen Entwicklung von Kindern und Frauen aufs Engste zusammenhängen, nahm auch Käthe Kollwitz lebhaften Anteil. So wundert es nicht, dass aus der Freundschaft ihres Sohnes Hans mit dem Reformpädagogen Fritz Klatt kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch eine für sie erwuchs, die bis zu ihrem Lebensende anhielt.
Julius Freund ist der einzige Kunstsammler, den Käthe Kollwitz in ihren Tagebüchern nennt. Seine beeindruckende Sammlung verschiedener Künstler, darunter auch Käthe Kollwitz, konnte aufgrund der politischen Umwälzungen nach 1933 nicht zusammengehalten werden. Zwei Kollwitz-Zeichnungen dieser Sammlung sind heute im Bestand des Käthe-Kollwitz-Museums Berlin und bieten Anlass für eine intensive Provenienzrecherche. Digital wird außerdem innerhalb der Sonderausstellung ein Zwischenstand des Versuchs präsentiert, die über 30 Werke umfassende Kollwitz-Sammlung von Julius Freund zu rekonstruieren.
Einer der wichtigsten Künstler-Freunde nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war sicher Otto Nagel. Wie sie engagierte er sich stark für die internationale Arbeiterhilfe. Durch ihn kamen die Ausstellungen in Russland zustande sowie die offizielle Einladung von Käthe Kollwitz und ihre Reise dorthin im Jahr 1927. In den erhaltenen Briefen spürt man die wachsende Vertrautheit. Mehr als 25 Jahre jünger als Käthe Kollwitz, sah Otto Nagel in ihr ein Vorbild, zugleich schätzte sie sein künstlerisches ebenso wie sein klares politisches Engagement, das auch ihr, der Nichtkommunistin, zu den Kommunisten Brücken baute.
Die Bekanntschaft mit Albert Einstein geht zurück auf das Jahr 1918, als dieser auf einen Artikel von Käthe Kollwitz im »Vorwärts« aufmerksam wurde. Darin widersprach sie mit den Worten »Es ist genug gestorben! Keiner darf mehr fallen!« dem Aufruf des Schriftstellers Richard Dehmel zum Durchhalten des Krieges. Bald darauf engagierten sich Kollwitz und Einstein gemeinsam überparteilich politisch u.a. in der »Liga für Menschenrechte«. Schließlich soll Albert Einstein 1932 bei der belgischen Königin die Erlaubnis zur Aufstellung des von Käthe Kollwitz‘ Denkmal »Trauernde Eltern« in Roggevelde/Belgien erwirkt haben.
Wie differenziert Käthe Kollwitz in ihren Briefen war, zeigt der umfangreiche Briefwechsel mit dem Maler und Grafiker Reinhard Schmidhagen (1914–45) . Durch eine gemeinsame Bekannte ermutigt, stellte der junge Künstler der von ihm verehrten Käthe Kollwitz einige seiner Holzschnitte vor. In der sich wandelnden Anrede von »Sehr geehrter Herr Schmidhagen« bis zu »Lieber Reinhard« wird ein wachsendes Vertrauen deutlich, das von Kollwitz‘ Seite aus darin mündet, ihn als ihren künstlerischen Nachfolger zu betrachten. Leider erlag Schmidhagen nur wenige Monate nach ihrem Tod einer chronischen Erkrankung.
Von einer Freundschaft zwischen Hermann F. Reemtsma (1892–1961) und Käthe Kollwitz zu sprechen, ist vielleicht nicht die passende Umschreibung. Doch der Hamburger Unternehmer unterstützte die Künstlerin in ihrem letzten Lebensjahrzehnt vielfach durch Ankäufe ihrer Werke und machte sich 1943 nach der Bombardierung von Nordhausen, wo Käthe Kollwitz vorübergehend untergekommen war, besorgt Gedanken um einen sicheren Aufenthalt für sie. Belegt ist nun, in welch umfassendem Maße Hermann F. Reemtsma Käthe Kollwitz schätzte.
Bei alldem bewegte uns die Frage, was Käthe Kollwitz Freundschaft bedeutete. Sie selbst geizt mit Worten darüber, umso reichlicher ist aber mittelbar zu erfahren, denn Freundschaft zeigt sich praktisch: Hier setzte sie sich für die notwendige Operation von Reinhard Schmidhagen ein, dort spendete sie für das Volksschulheim von Fritz Klatt, an anderer Stelle half sie, das Filmprojekt »Mutter Krausens Fahrt ins Glück« zu retten, weil Heinrich Zille schwer krank geworden war. So erkennen wir im breiten Spektrum ihrer Beziehungen, bei denen die familiären und sehr engen privaten Freundschaften der Künstlerin ganz bewusst außen vor gelassen wurden, wo Käthe Kollwitz ihre künstlerischen und persönlichen Interessen hatte, worum sie rang, wie sie politisch stand und was für sie Freundschaft bedeutete – ein Freundschaftsbegriff ganz im Sinne Goethes, des einflussreichen Begleiters ihrer Jugend und darüber hinaus. Auf ihn griff sie in Notzeiten, wie in der Auseinandersetzung 1918 mit Richard Dehmel, zurück und schloss sie ihr letztes großes grafisches Werk mit seinen Worten: »Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden.«

Iris Berndt, Astrid Böttcher
Käthe Kollwitz und ihre Freunde, Käthe-Kollwitz-Museum , 26. Juni bis 15. Oktober 2017
Aus MuseumsJournal 3/2017, Käthe Kollwitz. Menschen, Orte, Erinnerungen