4 | 2018 Oktober – Dezember

Lee Bul: Crash

»Es schien in der Vergangenheit so, als würde sich meine Arbeit auf den menschlichen Körper konzentrieren, aber eigentlich geht es mir um das Streben der Menschen nach bestimmten Idealen und Visionen durch den Körper.«(Lee Bul)
 
Lee Bul, Via Negativa II, 2014, Ausstellungsansicht Hayward Gallery, 2018. Polycarbonatplatte, Alumininiumrahmen, Acrly- und Polycarbonatspiegel, Stahl, Edelstahl, Spiegel, Zwei-Wege-Spiegel, LED-Beleuchtung, Siebdruckfarbe, ca.275x500x700 cm
Foto: Linda Nylind
Lee Bul, eine der bedeutendsten koreanischen Künstlerinnen, hat für ihr formal erfinderisches und intellektuell provokantes Werk große internationale Anerkennung erfahren. Ihr vielfältiges Schaffen erforscht Träume, Ideale und Utopien, die von futuristischen Theorien und Science-Fiction, Bioengineering und visionärer Architektur beeinflusst sind. Neben einer sinnlichen Erfahrbarkeit sind Lee Buls Arbeiten auch von ihren Erfahrungen und von subtilen Anspielungen auf die Geschichte und Politik Koreas geprägt. Während ihres nunmehr 30-jährigen Schaffens hat Lee Bul die Entwicklung des Landes von einer Militärdiktatur zur Demokratie in ständiger Konfrontation mit Nordkorea miterlebt. Ihre Arbeiten zeugen von einer intensiven Reflexion historischer und politischer Diskurse, den Herausforderungen von Globalisierung und technischem Fortschritt, aber auch vom Streben nach Idealen menschlicher und gesellschaftlicher Vollkommenheit und deren Scheitern.
Die Ausstellung »Crash« ist Ausdruck von Lee Buls Auseinandersetzung mit der Beschaffenheit von Körpern und wie diese unser Erleben der Welt definieren und Grenzerfahrungen hervorrufen können. Die Werkschau gliedert sich entlang der thematischen Schwerpunkte ihrer künstlerischen Arbeit, wobei die chronologische Anordnung innerhalb der einzelnen Sektionen die Entwicklung ihres Schaffens begreifbar macht. »Crash« zeigt Dokumentationen von frühen Performances, skulpturale Arbeiten aus Serien wie »Monster« und »Cyborg«, zentrale Werke ihrer utopisch inspirierten Skulpturen, neuere immersive Installationen, Zeichnungen und Gemälde sowie ihre letzte Arbeit »Scale of Tongue«. Die ausgestellten Zeichnungen geben Einblick in ihre künstlerische Praxis und beleuchten die Entwicklung ihrer dreidimensionalen Arbeiten sowie das Ineinanderfließen der verschiedenen Stränge ihres Werks.
Lee Bul, 1964 in Südkorea geboren, wuchs in einem politisch engagierten Umfeld inmitten turbulenter gesellschaftlicher Veränderungen auf. Die 1980er- und 1990er-Jahre waren in Südkorea eine Übergangsphase von der Militärdiktatur zur Demokratie und zu einem modernen, prosperierenden Land. Nach ihrem Abschluss im Fach Bildhauerei an der Seouler Hongik-Universität (1987) verlagerte Lee Bul ihre künstlerische Praxis mit Performances aus dem Studio in den öffentlichen Raum und hinterfragte das Verständnis weiblicher Schönheit sowie die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Sie widersetzte sich künstlerischen Konventionen, indem sie etwa bei »Cravings« (1989) monströse Formen aus weichem Stoff trug, aus denen tentakelartige Gliedmaßen herauswuchsen. Während der Performance »Abortion« (1989) hing sie in einem Korsett eingeschnürt fast zwei Stunden kopfüber und verwies damit auf das Elend einer - in Korea nach wie vor illegalen - Abtreibung.
Als Lee Bul Mitte der 1990er-Jahre mit ihrer bekannten Serie »Cyborg« (1997-2011) begann, wandte sie sich weitgehend von Performance-Arbeiten ab und erforschte mittels skulpturaler Arbeiten das Perfektionsstreben durch die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Die Posen der weiblichen Cyborgs erinnern an klassische Skulpturen wie die »Venus von Milo«, während die üppigen Proportionen typisch für die Darstellung westlicher Frauen in sexuell aufgeladenen japanischen Comics und Zeichentrickfilmen sind. Jeder Körper in dieser Serie ist jedoch unvollständig, ein Hinweis, dass diese »perfekten« Figuren noch in der Transformation begriffen sind. In späteren Arbeiten nimmt der Cyborg düsterere und komplexere Ausformungen an und verweist auf surrealistische Vorbilder. Diese extravaganten Hybriden aus lebendem Organismus und Maschine werden von Lee Bul als »anagrammatische Morphologien« bezeichnet. Die Gemälde und Wandarbeiten aus Seide, Leder und Perlmutt werden erstmals in dieser Ausstellung gezeigt und zeugen von einem tiefen und langjährigen Interesse am Experimentieren mit organischen Materialien.
Lee Buls Auseinandersetzung mit Körpern führte zur Erforschung von Modellen utopischer Stadtlandschaften. 2005 begann sie Modelle zu entwerfen, die von modernistischen architektonischen Entwürfen inspiriert sind. Diese komplexen Skulpturen und verwandte Arbeiten auf Papier und Leinwand bilden eine fantasievolle Topografie utopischer Sehnsüchte und Misserfolge. Ihre Visionen sind unter anderem von den Architekturfantasien des deutschen Architekten Bruno Taut inspiriert, nicht zuletzt von dessen »Alpiner Architektur« (1919).
Lee Buls spätere Arbeiten weisen vielfältige kulturelle und intellektuelle Referenzen auf, von der »Kritischen Theorie« bis hin zu dystopischen Traumwelten in Roman und Film. Ihr Werk entwickelte sich von großformatigen Kompositionen wie »Mon grand récit: Weep into stones .« (2005) hin zu immersiven Installationen, die unsere Wahrnehmung verändern. Buls Landschaften lassen sich als Mittler zwischen Architektur und Körper beschreiben und können vielfältige Formationen annehmen. »Bunker (M. Bakhtin)« (2007/2012) versetzt uns in eine verwirrende Geräuschkulisse, während »Via Negativa« (2012) und »Via Negativa II« (2014) unser Raumgefühl verstören. »Willing to be Vulnerable - Metalized Balloon« (2015-16) ist eine 17 m lange Skulptur, die auf den Zeppelin »Hindenburg« und dessen Absturz 1937 Bezug nimmt. Lee Buls neueste Arbeit »Scale of Tongue« war ursprünglich als transportable Architektur gedacht und erinnert an eine improvisierte Unterkunft, bergige Landschaft oder an einen Bootsrumpf, der subtil auf das südkoreanische Fährunglück der »Sewol« vom 16. April 2014 anspielt.
Der Gropius Bau ist nicht nur Ort, sondern auch Inspirationsquelle für die Ausstellung. Das Bauwerk grenzte mit seiner Nordseite bis 1989 unmittelbar an die Berliner Mauer. Vor diesem Hintergrund werden in der Ausstellung Parallelen der deutschen und der koreanischen Geschichte sichtbar, etwa hinsichtlich der Teilung der Länder, des damit einhergehenden nationalen Traumas sowie der Frage nach einer Wiedervereinigung. Skulpturale Arbeiten wie »Infinite Starburst of Your Cold Dark Eyes« im Foyer und »Willing to be Vulnerable - Transparent Balloon« im bisher selten bespielten Südtreppenhaus des Gropius Baus gehen eine unmittelbare Beziehung mit dem Gebäude ein und versinnbildlichen dessen Öffnung. Somit beleuchtet die von Stephanie Rosenthal kuratierte, gemeinsam mit der Hayward Gallery, London, erarbeitete Ausstellung nicht nur den Einfluss, den die Teilung Koreas und die Zeit der Diktatur auf Lee Buls Schaffen hatten, sondern auch, wie emotionale Topografien in utopischen architektonischen Visionen gespiegelt werden.

Clara Meister und Maxie Fischer
Lee Bul: Crash, Gropius Bau, 29. September 2018 bis 13. Januar 2019
Aus MuseumsJournal 4/2018, Ausstellungen