4 | 2018 Oktober – Dezember

Freiheit. Die Kunst der Novembergruppe 1918 bis 1935

Einhundert Jahre nach der Novemberrevolution, die in Deutschland zur ersten parlamentarischen Demokratie führte, ist der wichtige Beitrag, den Künstler und Künstlerinnen zu dem historischen Aufbruch leisteten, fast vergessen. Welche Rolle sie in diesem gesellschaftlichen Transformationsprozess spielten und wie sie durch ihre Kunst als aktive Gestalter der neuen Gesellschaft wirkten, beleuchtet die Berlinische Galerie mit der ersten umfassenden Überblicksschau zur bekanntesten unbekannten Künstlergemeinschaft der Weimarer Republik - der Novembergruppe.
 
Hannah Höch, Der Zaun, 1928. Öl aus Leinwand, 88,5 x 87 cm. Berlinische Galerie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018
»Wir stehen auf dem fruchtbaren Boden der Revolution. Unser Wahlspruch heißt: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!«, lauten die ersten Zeilen eines Manifests, das die Novembergruppe kurz nach ihrer Gründung in den tumultösen Revolutionstagen entwarf. Der Name der Künstlervereinigung ist dem epochemachenden Zeitgeschehen jenes Monats verpflichtet, das Motto der französischen Revolution entlehnt, die zur historischen Kronzeugin für die politischen Umwälzungen in Deutschland berufen wurde. »Es geschah das Wunder, daß mit wenigen Ausnahmen alle sich als eine Gemeinschaft fühlten, moralisch verpflichtet, an das Gute im Menschen zu glauben und die bestmögliche Welt zu erschaffen«, so charakterisierte der Kunsthistoriker Will Grohmann als Zeitzeuge die kollektive Aufbruchstimmung nach dem Ende des Kaiserreichs. Ziel der Maler, Bildhauer und Architekten, die sich in Berlin als »Vereinigung der radikalen bildenden Künstler« zur Novembergruppe zusammenschlossen, war die »engste Vermischung von Volk und Kunst« - eine Aufgabe, der sie sich künftig in zahlreichen Ausstellungen widmen sollte. In den Anfang Januar 1919 formulierten Richtlinien der Gruppe wurden zwar keine gesamtgesellschaftlichen Reformen gefordert, sehr wohl aber Einflussnahme und Mitarbeit der Kunstschaffenden in öffentlichen kulturellen Belangen, namentlich bei der Vergabe von Bauaufträgen und Ausstellungsräumen, der Reform der künstlerischen Lehranstalten und Museen sowie der Kunstgesetzgebung. Diese Forderungen zielten auf eine Demokratisierung der Kunstöffentlichkeit und den Abbau von überkommenen Privilegien, wie sie die Königliche Akademie der Künste bei der Gestaltung offizieller Ausstellungen im Kaiserreich innegehabt hatte. Indes verfolgte die Novembergruppe ihre kulturpolitischen Ziele nicht konsequent, zumal die Reform des Kulturlebens in der jungen Republik fest in der Hand von Beamten und Politikern blieb. Als Gemeinschaft agierte sie zu keinem Zeitpunkt parteipolitisch und verbat sich eine diesbezügliche Instrumentalisierung.
Die breite Entfaltung und Sichtbarmachung künstlerisch-radikaler Positionen aber war von Anfang an unverbrüchliche Prämisse der Gruppe - und gerade damit bewies sie über alle vertretenen Stile hinweg demokratische Haltung. Dass Kunst die Basis zur Entfaltung einer besseren Welt bildete, in der ein geläuterter »neuer Mensch« friedlich, klassenlos und sozial produktiv leichten Herzens einer idealen Zukunft entgegenblicken konnte, war die Überzeugung dieser selbstgewissen »Revolutionäre des Geistes«, unter deren Dach sich die Avantgarden der Nachkriegszeit sammelten.
Der erste öffentliche Auftritt fand im Sommer 1919 als Teil der »Kunstausstellung Berlin« im Landesausstellungsgebäude am Lehrter Bahnhof statt. Diese Schau war als Nachfolgerin der traditionsreichen »Großen Berliner Kunstausstellung« konzipiert, die einst als Verkaufs- und Leistungsschau nach dem Vorbild des Pariser Salons begründet worden war. Veranstaltet von der Akademie und dem konservativen Verein Berliner Künstler war die »Große Berliner Kunstausstellung« streng juriert und die moderne Kunst weitestgehend ausgeschlossen. Mit der ersten Nachkriegsschau wurde auch von den staatlich Verantwortlichen ein Zeichen der demokratischen Erneuerung gesetzt, wobei die Novembergruppe als Aushängeschild des angestrebten politischen und kulturellen Neubeginns galt. Für die Gruppe bot sich eine epochale Chance: Die »Große Berliner Kunstausstellung«, wie die Ausstellung ab 1921 wieder genannt wurde, garantierte größtmögliche öffentliche Sichtbarkeit, wurde sie doch nicht nur von Kunstkennern, sondern von einem weiten Publikumskreis besucht. Regelmäßig vom Reichspräsidenten eröffnet, war sie sowohl Thema in den Kunstzeitschriften als auch in der überregionalen Tagespresse.
Bis 1932 präsentierte die Novembergruppe an die 3000 Werke von knapp 500 Kunstschaffenden, deren Namen sich wie ein Who's who der klassischen Moderne lesen: von Rudolf Belling und Walter Gropius über George Grosz und Hannah Höch bis zu Paul Klee und Kurt Schwitters. »Neues vor die Augen« war das bestimmende Motto. Schließlich begriff sich die Gruppe in erster Linie als eine Gesinnungsgemeinschaft, deren vorrangiges Bemühen es war, freiheitliche Kunstentfaltung jenseits formalästhetischer Einschränkungen zu ermöglichen. Hinsichtlich der Bandbreite der vertretenen Stilidiome blieb sie dabei stets programmatisch undogmatisch. Sie zeigte in ihren ersten Ausstellungen einen Stilmix aus Kubismus, Futurismus und Expressionismus, Dada sowie frühe Formen der Neuen Sachlichkeit und präsentierte nicht nur die Berliner Avantgarde, sondern band auch nationale und internationale Künstler ein. Die Präsentationen der Novembergruppe, die als eigenständige Abteilungen der »Großen Berliner Kunstausstellung« ohne zwischengeschaltete Jury stattfanden, wurden in den ersten Jahren von der Presse scharf kritisiert und als ungefilterte, impulsive Reaktion auf die gesellschaftlichen Umbrüche gewertet. Sogar tätliche Angriffe des Publikums auf die gezeigte Kunst wurden vermeldet.
Im Laufe ihres Bestehens entfaltete die Novembergruppe eine erstaunliche integrierende Kraft und verstand es, die unterschiedlichsten Gattungen, Stile und Kunstschaffenden zu vereinen: Viele Architekten, die sich zunächst nur im Arbeitsrat für Kunst engagiert hatten, wechselten nach dessen Auflösung 1921 zur Novembergruppe, darunter Hans Poelzig, Bruno und Max Taut sowie Hans und Wassili Luckhardt. Auch Ludwig Mies van der Rohe trat bei und war zeitweilig sogar Vorsitzender der Vereinigung, die unter seiner Ägide noch stärker als zuvor Malerei, Bildhauerei und Architektur in ihren interdisziplinären Ausstellungen verband und viele Beteiligte zu gemeinschaftlichen Projekten anregte. 1922 öffnete sich die Novembergruppe auch für Schriftsteller und Komponisten, die in der Folge zahlreiche Abendveranstaltungen organisierten und in diesem erweiterten Forum die Avantgarde einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machten. Die öffentlichen Künstler- und Kostümfeste der Gruppe, die ab 1920 mindestens einmal im Jahr stattfanden und eine wichtige Einnahmequelle zur Finanzierung der übrigen Vereinsarbeit darstellten, waren Stadtgespräch.
Grenzen überwinden wollte die Gruppe nicht nur zwischen Kunstformen, sondern auch zwischen Ländern. Bereits 1919 und 1920 bezog die Gruppe mit Marc Chagall, Georges Braque und Fernand Léger ausländische Gäste ein und verstärkte diese Aktivitäten in den kommenden Jahren. So nahmen 1922 und 1923 zahlreiche osteuropäische Abstrakte wie El Lissitzky und Iwan Puni sowie die niederländischen Künstler der De-Stijl-Gruppe an den Novembergruppen-Präsentationen im Rahmen der »Großen Berliner Kunstausstellung« teil, darunter Theo van Doesburg, Piet Mondrian und Cornelis van Eesteren. Doch nicht nur die bekannten Namen der internationalen klassischen Moderne verbinden sich mit der Novembergruppe. In ihren Reihen waren auch zahlreiche Künstler vertreten, die heute zu Unrecht wenig bekannt sind, beispielsweise die Maler Hans Brass und Otto Möller oder Bildhauer wie Oswald Herzog und Georg Leschnitzer.
Trotz der bemerkenswerten Vielfalt, die die Novembergruppe mit ihren Ausstellungen bot, stellte die Kritik in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre ein Nachlassen der schöpferischen Kräfte fest - wie die Avantgardebewegungen insgesamt nach ihrer zuvor rasanten Entwicklung an Dynamik verloren. Die Weltwirtschaftskrise brachte ab 1929 die gesamte Kunstwelt in existenzielle Schwierigkeiten und verstärkte diese Tendenzen. Die Novembergruppe fiel, nicht zuletzt aufgrund finanzieller Schwierigkeiten, zusehends auseinander. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die Gruppe von ihren revolutionären Anfängen eingeholt und als treibende »kulturbolschewistische« Kraft gebrandmarkt. An der »Großen Berliner Kunstausstellung« durfte sie ab 1933 nicht mehr teilnehmen; zwei Jahre später wurde sie - eine Perfidie der Nationalsozialisten - auf eigene Kosten aus dem Vereinsregister gestrichen.
Die Ausstellung »Freiheit. Die Kunst der Novembergruppe 1918 bis 1935« zeigt rund 120 Exponate, die nahezu ausschließlich auf Ausstellungen der Novembergruppe zu sehen waren oder die in deren Publikationen abgebildet wurden. Im Dialog zwischen gezeigten Werken und Dokumenten wird deutlich, wie die Protagonisten mit ihrer Kunst die Gesellschaft nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs verändern und formen wollten. Ausstellung und Katalog eröffnen einen neuen Blick auf die avantgardistische Kunst der Zwischenkriegsjahre und ihren gesellschaftsutopischen Gehalt, der oftmals hinter den gängigen Fragen nach formalen und ästhetischen Entwicklungen zurücktritt.

Ralf Burmeister und Janina Nentwig
Freiheit. Die Kunst der Novembergruppe 1918 bis 1935, Berlinische Galerie, 9. November 2018 bis 11. März 2019
Aus MuseumsJournal 4/2018, Hoch die deutsche Republik!