2 | 2018 April – Juni

Abfallprodukte der Liebe. Eine Ausstellung mit Werken von Elfi Mikesch, Rosa von Praunheim und Werner Schroeter

Im Aufbruchsjahr 1968 drehte Rosa von Praunheim einen ersten Film, in dem Werner Schroeter (1945–2010) auftrat. Der Titel »Grotesk – Burlesk – Pittoresk« gab das freche Motto für die Künstlerfreundschaft vor, die aus der Begegnung entstand.
 
Elfi Mikesch, Szenenfoto zu »Der Rosenkönig«, Regie: Werner Schroeter, 1986.n
Foto: Elfi Mikesch
Die beiden hatten sich Silvester 1967 auf einem Experimentalfilmfestival im belgischen Badeort Knokke-le-Zoute kennen- und lieben gelernt. Der eine ein Maler aus Frankfurt am Main, der in West-Berlin Fuß gefasst hatte, der andere ein vom Filmstudium in München gelangweiltes Junggenie, zeigten sie in Knokke ihre mit Sinn fürs Unfertige gedrehten Erstlinge und teilten die Passion für Andy-Warhol-Filme. So wie Amerikas Underground wollten sie Filme machen und berühmt werden.
Rosa von Praunheim kurierte den schüchternen Freund von seiner abgründigen Sinnkrise, nahm ihn mit in die Berliner Szene und machte ihn dort mit der Fotografin Elfi Mikesch bekannt, die ähnlich konsequent an der Einheit von Kunst und Leben arbeitete und in den expressiven Schwarz-Weiß-Porträts ihrer Freundinnen und Freunde die Grenzerfahrung suchte. Miteinander, oft auch parallel, drehten sie in rascher Folge mit Werner Schroeters Normal-8-Kamera Filme, die bis heute den Bilderkanon des deutschen Undergroundkinos prägen. Zwischen anarchischem Dada und pathetisch großer Geste coverte Werner Schroeter seine Lieblingsopern, beschwor den Stern der großen Tragödin Maria Callas und brach radikal mit den Konventionen des Kinos. Für »Eika Katappa« (1969) erhielt er Auszeichnungen und einen Platz im Programm des Festivals in Cannes. Rosa von Praunheim, »der Aggressivere«, wie er sich selbst nannte, wurde ein Jahr später mit seiner zärtlichen Außenseiterkomödie »Die Bettwurst« (1971) und erst recht mit dem Pamphlet »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« (1971) berühmt. Elfi Mikesch fing an, als Kamerafrau zu arbeiten, für Rosa von Praunheim und Werner Schroeter, aber auch für andere, bevor sie in den 1970er-Jahren eine eigene Karriere als Dokumentar- und Spielfilmregisseurin begann.
Grenzgänger sind sie geblieben. Werner Schroeter, der Dandy und Kosmopolit, inszenierte an Theater- und Opernbühnen auf fast allen Kontinenten, bekam viele Filmpreise und behielt doch den Ruf, der »größte marginale Regisseur des deutschen Films« (Thomas Elsaesser) zu sein. Elfi Mikesch unternahm in ihren eigenen Filmen, ihren Arbeiten als Bildgestalterin und Fotografin immer neue Erkundungen in die Sphären zwischen Wirklichkeit und Phantasma und befragte das Medium intensiv nach seinen gesellschaftlichen Bedingungen. Rosa von Praunheim erwarb sich als Maler, Autor und Regisseur von nahezu 70 Dokumentarfilmporträts ein unvergleichliches Image als Aktivist der Homosexuellenbewegung und der AIDS-Hilfe. Ihre Queerness ist den dreien selbstverständlich, wenn sich auch Werner Schroeter nicht als Aktivist engagierte und seine kritische Haltung eher, wie Elfi Mikesch, in der Ästhetik seiner Filme zum Ausdruck brachte.
Die Akademie der Künste widmet der einzigartigen Künstlerfreundschaft ihrer Mitglieder Elfi Mikesch, Rosa von Praunheim und Werner Schroeter eine Ausstellung. Im Mai öffnen die Hallen am Pariser Platz für einen Parcours durch ihre Lebenswerke, der Fotografien, Filme, Malereien und Installationen der drei zusammenführt. Unter dem verbindenden Titel »Abfallprodukte der Liebe« – nach Werner Schroeters Essayfilm »Poussières d`amour« – inszenieren Elfi Mikesch und Rosa von Praunheim ihre Ausstellungsräume selbst. Die Räume zu Werner Schroeters Lebenswerk werden von seiner langjährigen Szenografin und Kostümbildnerin Alberte Barsacq gestaltet. Die Lebenswege der drei kreuzten sich in den vergangenen 50 Jahren immer wieder und waren auch von Dissonanzen und Kontroversen geprägt. »Abfallprodukte der Liebe« will die Vielfalt und Eigenheiten der Lebenswerke neu entdecken und präsentieren.
Eine multimediale Projektion zu Stationen und Schnittpunkten ihrer Karrieren stellt anhand von Zitaten die Frage nach der Kraft und Ambivalenz der Freundschaft und dem politischen Kern der unterschiedlichen künstlerischen Formen. Ein Rosenbett weist auf Werner Schroeters Film »Der Rosenkönig« (1986) und dessen rauschhafte Beschwörung der Schönheit und Fragilität der Existenz hin, eines der Leitmotive, das allen drei Künstlern eigen ist.
Eine Klangkomposition von Eberhard Kloke, Dirigent, Komponist und Counterpart von Werner Schroeter bei Operninszenierungen in Bielefeld und Freiburg, nimmt die Besucher in Schroeters musikalischen Kosmos mit und geht seiner legendären Leidenschaft für die Gesangskunst von Maria Callas auf den Grund. Der 2010 verstorbene Regisseur und Lebenskünstler ist in anekdotenreichen Selbstaussagen voller Sprachwitz zu hören, in denen er das Resümee seiner Kunst zieht. Ausgewählte Fotografien von Werner Schroeter, darunter Porträts seiner Film- und Bühnenfamilie, werden ebenfalls präsentiert.
Elfi Mikesch lädt in zwei begehbare Kuben ein, die an eine Camera Obscura erinnern. Hier stellt die Künstlerin Schwarz-Weiß- und Farbfotografien aus und gibt poetische Fingerzeige auf die biografischen Bezüge ihres Werks. Als work in progress präsentiert sie ihre neuste Arbeit »L. A. Tango« (2014–17).
Rosa von Praunheim empfängt die Besucher symbolisch in der Gefängniszelle, in der er 1942 in Riga geboren wurde. Alter und Vergänglichkeit bei nicht nachlassender Lebenslust sind die Themen seiner neuen Malereien und Gedichte. Rosa von Praunheims autobiografisches Musical »Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht«, seit Januar 2018 im Deutschen Theater zu sehen, wird abgewandelt auch am Pariser Platz aufgeführt. Talkshows mit Freunden und Weggefährten und drei Filmabende in der Akademie am Hanseatenweg ergänzen eine Ausstellung, die zu Pathos, Kitsch, Poesie und anarchischem Witz als politischer Kraft steht.

Claudia Lenssen
Abfallprodukte der Liebe. Eine Ausstellung mit Werken von Elfi Mikesch, Rosa von Praunheim und Werner Schroeter, Akademie der Künste am Pariser Platz
Aus MuseumsJournal 2/2018, Ausstellungen