2 | 2019 April – Juni

Picasso. Das späte Werk. Aus der Sammlung Jacqueline Picasso

Als Brassaï Picasso im Mai 1960 zum ersten Mal nach fast 15 Jahren wiedersah, machte dessen neues Werk ungeheuren Eindruck auf ihn: »So brutal aber wie in der Villa La Californie bin ich noch nie überfallen worden [...] Kunst und Natur, Schöpfung und Mythos, Ritterturnier und Stierkampf, Märchenwelt, Olymp und Walpurgisnacht stürmen auf mich ein [....] Alles will gesehen werden, sich übertrumpfen, will gleichzeitig zu Wort kommen, zerrt an den Nerven, provoziert und überwältigt [...].«
 
Pablo Picasso, La Californie, 1956. Öl auf Leinwand, 65× 82 cm. Sammlung Catherine Hutin.
© Succession Picasso/ VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Claude Germain
Der Fotograf sah sich im Atelier in Cannes umgeben von Porträts, die Picassos Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Jacqueline Roque zeigen. Er sah Skulpturen und Assemblagen aus unterschiedlichsten Materialien. Überall lagen Skizzen und Papierarbeiten in neuen Techniken. Auch die stilistische Vielfalt und die Monumentalität der Entwürfe dürften das Gefühl der Überwältigung hervorgerufen haben.
Während das Werk Pablo Picassos (1881-1973) in seinen früheren Phasen stilistisch deutliche Unterschiede aufweist, sodass sich die Blaue von der Rosa Periode, der die Form sprengende Kubismus von der geschlossenen Kontur des Neoklassizismus abhebt, bilden die Stile in seinem späten Werk eine Synthese. Im Schaffen der letzten zwanzig Jahre verschmelzen die Medien: Das grafische Element der Linie erscheint als Ausdrucksträger der Malerei. Bei den Skulpturen wiederum falten sich bemalte Flächen in den Raum und erzeugen auf diese Weise Übergänge zwischen den Gattungen.
Das Museum Barberini widmet sich dieser überbordend kreativen Phase Picassos. Die Ausstellung zeigt die Sammlung von Jacqueline Picasso (1927-86), mit der der Künstler ab 1954 zusammenlebte. Jacqueline vererbte die Sammlung an ihre Tochter Catherine Hutin, die sie mit dieser Ausstellung erstmals öffentlich macht, indem sie über 130 Arbeiten zur Verfügung stellt. Bis auf wenige Ausnahmen sind die von Bernardo Laniado-Romero ausgewählten Werke zum ersten Mal in Deutschland zu sehen.
Picassos Kunst der letzten beiden Lebensjahrzehnte hält Rückschau. Revisionen des eigenen Werks nehmen bekannte Themen auf und erneuern sie. Doch geschieht dies vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen und vielfach im Dialog mit anderen Kunstwerken - von den Alten Meistern bis zur Pop Art. Picasso entwickelte Verfahren weiter, die Henri Matisse in seinen »Cut-Outs« begonnen hatte. Der Tod des Künstlerfreunds im November 1954 löste eine intensive Auseinandersetzung mit dessen Themen aus - oder, wie es Picasso zuspitzte: »Als Matisse starb, hinterließ er mir seine Odalisken.« Picasso ging dafür zu den Skizzen zurück, die er bereits in den 1940er-Jahren zu Eugène Delacroix' Gemälde »Die Frauen von Algier« gemacht hatte. In einer der Odalisken erkannte er Jacqueline wieder. 1955 zog er mit ihr und ihrer Tochter Catherine in die »Villa La Californie«. Jacqueline regte Picasso zu zahlreichen Interieur-Darstellungen der Villa an. Sie zeigen sie als Muse. Ihr Lieblingsplatz, der Schaukelstuhl, repräsentiert ihre Allgegenwart an Picassos Schaffensorten.
Jacqueline Picasso inspirierte, orchestrierte und administrierte die überwältigende Fülle, die Brassaï in Picassos Atelier beschrieb. Sie erhielt nach Picassos Tod den größten Teil aller Werke, die nicht für das Musée Picasso in Paris bestimmt waren. In Bezug auf Anzahl und Qualität hat sich das späte Werk Picassos bis heute am besten in der Sammlung der Familie erhalten - in der Sammlung Jacqueline Picasso. Sie umfasst weithin bekannte Werke, die jedoch kaum jemand im Original hat sehen können. Bekannt sind sie durch die berühmten Fotografien von Lucien Clergue, David Douglas Duncan oder Edward Quinn: Picasso und seine Frau in den Ateliers der Villa La Californie, in der Werkstatt in Mougins nördlich von Cannes und in Schloss Vauvenargues in der Provence, dem Rückzugsort der Familie. Während die Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Keramik, die nach seinem Tod in Staatsbesitz übergingen, seit 1985 im Musée Picasso der Öffentlichkeit zugänglich sind und 2005 in einer repräsentativen Auswahl in der Ausstellung »Pablo. Der private Picasso« in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen waren, blieben weite Teile des Schatzes, den die Ateliers bargen, im Besitz der Familie.
Schon Picassos Bruch mit dem Kubismus nach dem Ersten Weltkrieg irritierte die Kunstwelt, da sein neuer Klassizismus dem Weg einer fortschreitenden Abstraktion widersprach. Nach dem Zweiten Weltkrieg, den er im von den Nationalsozialisten besetzen Paris überstand, erneuerte der Künstler sein Werk durch Experimente in der Eisenskulptur, der Monumentalmalerei, der Keramik und in druckgrafischen Techniken. In den 1950er- und 60er-Jahren wurde Picasso durch zahlreiche Großaufträge ausgezeichnet: Reliefs in Oslo und Barcelona, Wandbilder im Gebäude der UNESCO in Paris und in einer Kapelle in Vallauris sowie die monumentale Stahlskulptur am Civic Center in Chicago entstanden in Zusammenhang mit den ausgestellten Werken.
Die Ausstellung »Picasso. Das späte Werk« zeigt, wie Picasso noch in diesen Jahren, mit den Worten Brassaïs, zu überfallen und zu überraschen wusste. In einer Zeit, die eine Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen etablierte, war die Medienvielfalt eines Picasso wegweisend. Picassos spätes Werk schlägt den Bogen von den Avantgardestilen der klassischen Moderne zu den Postavantgarden der 1960er-Jahre, die Künstlerinnen und Künstler bis heute prägen.

Ortrud Westheider
Picasso. Das späte Werk. Aus der Sammlung Jacqueline Picasso, Museum Barberini
Aus MuseumsJournal 2/2019, Ausstellungen