2 | 2019 April – Juni

Bauhaus und die Fotografie. Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst

»Wohin heute mit dem Erlebnishunger nach Neuem?« Diese Frage stellte 1929 der Kunsthistoriker Max Deri in der »BZ am Mittag« und befand: »Er hat sich zum großen Teil in die Photographie geflüchtet.« Wie aber mit deren Hilfe eine neue Welt entdecken, fragte er sich weiter und benannte, was in seinen Augen die moderne Fotografie kennzeichnete: »Vergrößerung, Verkleinerung und dennoch schärfste Deutlichkeit, Zerstückung oder Verzerrung der gewohnten ›Sehgestalten‹ sowie die Verbindung dieser Stück- und Zerrgestalten« zu neuartigen Kombinationen.
 
László Moholy-Nagy, Fotogramm (Fotogramm mit Eiffelturm), um 1925/1928–29. Silbergelatineabzug, Reproduktion des Künstlers von Original. Kunstbibliothek.
© Kunstbibliothek SMB
Eine solche Zerrgestalt warb im selben Jahr auf einem Plakat für die internationale Wanderausstellung des Deutschen Werkbunds Film und Foto (kurz FiFo) im ehemaligen Berliner Kunstgewerbemuseum, dem heutigen Gropius Bau. Kamera und Nadelstreifenhose waren als monumentales Formgebilde akzentuiert, das dem leuchtenden Titel einen wirkungsvollen Fond bot, die Züge des eigentlichen Akteurs, des Bildjournalisten Willi Ruge, jedoch im Nebensächlichen beließ.
Doch was erwartete die Besucher? Zeitschriften wie »Die Form« versprachen einen systematischen Überblick über die neuesten Arbeits- und Gestaltungsweisen von Fotografie und Film. Begleitbücher zur Ausstellung ermunterten: »[L]egen Sie die Vorurteile ab und glauben Sie auch einmal ganz dem Auge.« Tatsächlich konfrontierte der Avantgardekünstler und ehemalige Bauhauslehrer László Moholy-Nagy das Publikum mit einem entsprechenden Bildprogramm. Unter dem Motto »Wohin geht die fotografische Entwicklung?« zeigte der von ihm konzipierte Raum die vielfältigsten fotografischen Genres – von der dokumentarischen Erfassung der Welt über die Fixierung von Bewegung bis hin zur bewussten Gestaltung mit Licht und Schatten. Dort hingen nicht nur Studioporträts aus dem 19. Jahrhundert oder Fahndungsfotos, sondern ebenso naturwissenschaftliche Aufnahmen von Pflanzen und Röntgenbilder, journalistische Reportagen, Luftaufnahmen sowie optische Spielereien, die dem experimentellen Selbstporträt Ruges auf dem FiFo-Plakat überraschend verwandt scheinen. Gerade der Vergleich von historischen und zeitgenössischen Beispielen offenbarte das kreative Potenzial der Fotografie für das Neue Sehen.
Die Präsentation von Moholy-Nagy veranschaulichte die Kontinuität formaler und optischer Qualitäten der Fotografie ebenso wie den zukunftsweisen Einfluss der technischen Bildmedien auf die Kultur der Gegenwart. Zudem mündete sie in Berlin direkt in eine Werkschau von Moholy-Nagy selbst. Hier zeigte er 97 fotografische Arbeiten, darunter unbezeichnet auch solche seiner Frau Lucia Moholy. Anhand von nahsichtigen Porträtfragmenten, konstruktivistischen Architekturaufnahmen aus ungewöhnlicher Perspektive, spielerischen Fotocollagen oder kühn konfigurierten Lichträumen in Fotogrammen erschloss sich ein Bildprogramm, das mit Blick auf den vorangehenden Raum auch die Inspirationsquellen des Künstlers verriet.
Eine kuratorisch-szenografische Rekonstruktion der von Moholy-Nagy für Stuttgart und Berlin konzipierten Räume von Kai-Uwe Hemken in Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule Kassel präsentiert das Museum für Fotografie zum 100-jährigen Gründungsjubiläum des Bauhauses. Ergänzt wird sie durch Beispiele der Fotografie des Neuen Sehens aus der Kunstbibliothek, die als Veranstalterin der Berliner FiFo bedeutende Werke aus der damaligen Schau erwarb. Die Auswahl assoziiert das von Moholy-Nagy angeregte vergleichende Spiel mit Bildern, Wahrnehmungs- und Anwendungsweisen und konfrontiert die Fotografien der 1920er-Jahre mit denen des 19. Jahrhunderts. Hinzu kommt ein von Thomas Tode zusammengestelltes Filmprogramm.
Wohin geht die fotografische Entwicklung? – Diese Frage beantworten im zweiten Teil der Ausstellung Fotoarbeiten von Künstlern wie Thomas Ruff, Dominique Teufen, Daniel T. Braun, Wolfgang Tillmans, Doug Fogelson, Taiyo Onorato & Nico Krebs, Max de Esteban, Viviane Sassen, Stefanie Seufert, Kris Scholz, Antje Hanebeck und Douglas Gordon. Konzipiert von Kris Scholz und Christoph Schaden, nimmt die Ausstellung exemplarisch solche Positionen in den Blick, die mit den am Bauhaus erprobten experimentellen Ausdrucksmitteln des Neuen Sehens in einen Dialog treten. Ausgehend von der These, dass es eine spezifische Bauhaus-Fotografie nie, wohl aber eine enorme Vielfalt von bis heute faszinierenden Gestaltungs- und Anwendungsvarianten an der Schule gegeben hat, wird ein breites Panorama von Bild- und Werkkonzepten vorgestellt. So spannt sich der Bogen von abstrakten Formspielen, kinetischen Licht- oder architektonischen Fotogrammskulpturen über Zeit-, Raum- und Strukturcollagen bis hin zu fantastischen Wahrnehmungsirritationen und politischen Positionen. Dazu eröffnet die Farbfotografie weitere Dimensionen, beweisen technische Geräte wie Computer, 3D-Drucker und Kopierer ihr Potenzial für neue optische Bildlösungen.
Ein assoziativer Austausch mit den Arbeiten des frühen 20. Jahrhunderts entsteht über elementare fotografische Spezifika: Experimente mit Licht, Perspektive und dynamischer Fragmentierung oder mit spielerischen Materialerkundungen. So fangen Onorato & Krebs das freie Spiel des Lichts mit eigens entwickelten Rotationsapparaturen ein und inszenieren es zu geometrisch-magischen Raumgebilden. Ähnlich verrätselt schweben Teile eines Gyroskops auf schwarzem Grund in Fotogrammen von Moholy-Nagy oder Man Ray. Allein die ungegenständliche Form des Lichts hat hier ihre Spuren hinterlassen.
Viviane Sassen stellt in Afrika große Glasplatten wie Farbfilter vor eine Salzwüstenlandschaft. Ihre Bilder lassen an die Bühnenspiele am Bauhaus mit ihren divergierenden Sicht- und Raumebenen denken, aber auch an die konstruktivistischen Arbeiten von Florence Henri. Täuschung und zudem einen grundsätzlich medientheoretisch fundierten Skeptizismus präsentiert Max de Esteban in seinen digitalen Collagen, während Wolfgang Tillmans mit seiner Plakatserie von 2016 die Anti-Brexit-Kampagne befeuerte. Diese Positionen zeigen, dass die Entwicklung fotografischer Bildsprachen ein fortdauernder Prozess ist, der auf den Kreationen der Vergangenheit basiert, aber die Zukunft offen lässt.


Christine Kühn
Bauhaus und die Fotografie. Zum Neuen Sehen in der Gegenwartskunst, Museum für Fotografie
Aus MuseumsJournal 2/2019, Ausstellungen