3 | 2019 Juli – September

original bauhaus. Die Jubiläumsausstellung des Bauhaus-Archivs

»original bauhaus« fragt nach den verschiedenen Formen von Produktion und Reproduktion, die dazu beigetragen haben, das Bauhaus berühmt zu machen - und somit auch zum Mythos und zur kontrovers diskutierten Marke. Damit ist nicht vordergründig die Nachahmung bekannter Designobjekte gemeint, sondern viel umfassender die Erkundung der künstlerischen, gesellschaftlichen sowie werbe- und ausstellungstechnischen Praktiken von Wiederholung und Aneignung am Bauhaus selbst.
 
Marianne Brandt, Teeextraktkännchen (MT 49), 1924.
Bauhaus-Archiv Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Gunter Lepkowski
14 Schlüsselobjekte - stellvertretend für die 14 Jahre zwischen April 1919 und Juli 1933, in denen das Bauhaus zuerst als staatlich geförderte und zuletzt als private Institution bestand - rücken dafür in den Fokus. Um das Original zu befragen, steht ein reichhaltiges Repertoire an Begriffen zur Verfügung, die teils historische und von Bauhäuslerinnen und Bauhäuslern selbst verwendete, teils gegenwärtige und geläufige sind: Prototyp, Unikat, Serie, Kopie, Remix, Wiederaufführung, Anleitung. Aufregend wird es für »original bauhaus« gerade da, wo Originale zuallererst durch Remakes hervorgebracht werden und Künstlerinnen und Künstler es darauf anlegen, diese Grenzen zu verschieben, überall dort also, wo nicht klar ist - und ganz dezidiert vonseiten der Ausstellungsmacherinnen auch nicht festgeschrieben werden soll -, was als Original zu gelten hat.
Darunter befinden sich berühmte Ikonen wie das Gemälde »Die Bauhaustreppe« von Oskar Schlemmer (vertreten durch eine maßstabsgetreue Kopie seines Assistenten und Bruders Carl Schlemmer), das Weimarer Haus am Horn und dessen ungleicher Zwilling in Burbach, die rätselhafte Fotografie mit der berühmten maskierten Unbekannten im B3/ Wassily-Sessel von Marcel Breuer, der verschollene »Teppich 2« von Gertrud Arndt und die Geschichte seiner Rekonstruktionen, erstmals alle sieben noch bekannten Teeextraktkännchen von Marianne Brandt und die einfallsreichen Aufgabenstellungen aus dem Vorkurs am Bauhaus. Neben einem Ausstellungskatalog erscheint zu diesem Thema das Übungsbuch »original bauhaus« mit 50 historischen Übungen aus dem Vorkurs, von »Atemstenogramm« über »Papier falten« bis »Zeichnen nach Lichtbildern«, die aus heutiger Sicht kommentiert werden.
Die Frage, ob ein Produkt menschlicher oder technischer Arbeit ein einzigartiges Kunstwerk oder ein technisch reproduziertes Auflagenobjekt ist, hat die Kunstgeschichte und den Kunstmarkt bereits in den 1920er-Jahren umgetrieben, und Künstlerinnen und Künstler haben sich diese Reibungsfläche zu eigen gemacht. Der Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy war ein solcher Medienkünstler, der sich in Theorie und Praxis mit den Eigenheiten von Produktionsbedingungen auseinandersetzte. Ganz anders als Walter Benjamin in seinem viel rezipierten Essay zum »Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« vertraute Moholy-Nagy auf die künstlerischen Potenziale der Technik. Durch Experimentieren, so Moholy-Nagys emphatisch formulierter Vorschlag im Essay »Produktion - Reproduktion« von 1922, könnten technischen Medien wie dem Grammophon oder der Fotografie künstlerische Qualitäten abgerungen werden. Seine eigenen fotografischen Arbeiten betreiben ein komplexes Spiel aus Einzigartigkeit und Vervielfältigung. Sie reflektieren damit sowohl die medialen Bedingungen der Technik als auch den Status des Künstlers als Autor. In Moholy-Nagys Kunst wird die Technik zum Mitautor. Das Bauhaus war, das wird bisweilen vergessen, eine Hochschule und kein Unternehmen. Zum Vertrieb seiner Produkte wurde zwar eine eigene GmbH gegründet und bereits in Weimar versucht, mit den Erzeugnissen Geld zu verdienen. Doch das basierte nicht allein auf wirtschaftlichen Überlegungen. Die handwerklich gefertigten Dinge waren als Muster für die fabrikmäßige Vervielfältigung gedacht und die Ausbildung sollte somit nicht fernab der realen Produktionsbedingungen stattfinden.
Ob Produkte, die in den Werkstätten entstanden, immer Prototypen blieben, weil sie in der seriellen Herstellung zu teuer waren oder schlicht nicht am Bedarf orientiert, erscheint viel weniger relevant als die Frage nach den Erfahrungen, die sich in der intensiven Auseinandersetzung mit dem Material, im Fehlermachen und im Scheitern spiegeln. Das Bauhaus lehrte im Sinne von »don't do it yourself«: Zum Zweck einer guten Ausbildung waren Lernende nicht auf sich allein gestellt, sondern konnten auf die Begleitung durch hochengagierte Lehrende vertrauen. Diese verfolgten das Ziel, sie zu Könnern ihres Fachs zu machen. Eigene Erfahrung stand zwar im Zentrum, doch mit schnell Zusammengezimmertem kam man selbst im Vorkurs, der als Grundlagenvermittlung der Werkstattausbildung vorgeschaltet war, nicht weit. Was heute zu Recht als typisch für das Bauhaus gilt - die intensive und nicht von vornherein zielgerichtete Auseinandersetzung mit Materialien und Produktionsprozessen sowie die Erfindung von Verfahren, um primär innovativ sein zu können -, war damals sehr fortschrittlich und auch nicht von allen geschätzt. So bezweifelten Studierende am Bauhaus Dessau in einem offenen Brief den Sinn des Vorkurses. Manche konnten keinen Zusammenhang zwischen den langwierigen Übungen und ihrer späteren Ausbildung in den Werkstätten erkennen und forderten mehr Zielgerichtetheit.
Am Bauhaus stand die Entwicklung von Gebrauchsgegenständen und ihr größerer Zusammenhang mit der Architektur im Fokus. Beide Felder haben von jeher ein anderes Verständnis vom Unikat als die bildende Kunst, die ihrerseits mit Druck- und Abgussverfahren selbstverständlich immer schon ihre ureigenen künstlerischen Reproduktionstechniken pflegte. Gelingt es im Handwerk, Gleiches herzustellen, kann das ein Ausweis von Meisterschaft sein. Erst geübte Gesten der Arbeit und implizites Wissen machen regelmäßige Wiederholungen und damit auch Planung möglich. Eine der ältesten Kulturtechniken des Menschen, die Weberei, durchkreuzt jedes lineare Verständnis von Original und Kopie. Reproduktionsmöglichkeit ist im Textilen Bedingung. Der Rapport, die kleinste wiederholbare Einheit bei der Erzeugung von Mustern, ermöglicht eben auch die Vervielfältigung des Originals.
Das Gleiche ist nicht dasselbe, da wird im Deutschen fein unterschieden. Original kann beides sein, das Unikat wie das Vervielfachte. Reproduktion macht Dinge zugänglich und ist somit immer auch eine soziale Praxis. Auch wenn beim Bauhaus viele Produkte damals wie heute eher exklusiv vertrieben wurden, bieten sie noch immer vielfältige Formen der Aneignung und Inspiration. Die leichtfüßige wie ironisch hinterfragende Art, mit der sich Künstlerinnen und Künstler dem Bauhaus nähern, zeigt: Marke hin oder her, nach 100 Jahren gleicht das Verständnis vom Bauhaus heute wieder sehr dem Bauhaus damals. So liegt weniger Wert auf guter Form und gutem Stil als auf streitbarer Praxis, auf herausfordernder Lehre und lebendiger Diskussion.



Nina Wiedemeyer und Friederike Holländer
original bauhaus. Die Jubiläumsausstellung des Bauhaus-Archivs, Berlinische Galerie, 6. September 2019 bis 27. Januar 2020
Aus MuseumsJournal 3/2019, 100 Jahre Bauhaus