3 | 2019 Juli – September

Connecting Afro-Futures. Fashion × Hair × Design

Mode ist ein Regelsystem ganz eigener Art und gilt als Schrittmacher des sozialen Wandels. Eine neue Generation afrikanischer Modedesignerinnen und -designer bricht aktuell die Hegemonie des westlichen Systems Mode auf. Sie definiert »afrikanische Mode« neu und etabliert innovative Design-Hubs - Knotenpunkte kreativer Netzwerke - in ganz Afrika.
 
José Hendo, Resonance Collection, 2018.
© José Hendo
Dabei geht es nicht allein um ästhetische Aspekte, sondern vielmehr um ein kulturelles und politisches Engagement mit einem dezidiert dekolonialen Selbstverständnis. Haare sowie »afrikanische Körper« waren ein zentraler Schauplatz kolonialer Machtausübung, wurden diszipliniert, reglementiert und dem westlichen Schönheitsideal unterworfen. Die dadurch beinahe in Vergessenheit geratenen traditionellen afrikanischen Haarstile werden heute wieder verbreitet und als Ausdrucksform kreativer Identitätsbildungen selbstbewusst eingesetzt.
Für die Ausstellung wurden ganz unterschiedlich arbeitende Designerinnen und Designer aus Dakar und Kampala sowie ein Künstler aus dem Benin eingeladen, im Berliner Kunstgewerbemuseum jeweils eine eigene Installation zu entwickeln und im musealen Kontext zu verorten.
Immer mehr afrikanische Frauen sowohl auf dem Kontinent als auch in der Diaspora verzichten auf das seit Jahrhunderten übliche, im Übrigen äußerst gesundheitsschädliche Glätten der Haare und das Tragen von Perücken. Adama Paris, Modedesignerin aus Dakar und Gründerin der Dakar Fashion Week sowie der Black Fashion Week, zelebriert in ihrer Arbeit »Shameless Afro Hair« den unendlichen Reichtum afrikanischer Frisuren. Der Titel ist zugleich Aufruf an alle afrikanischen Frauen, zu ihrer Kultur, ihren Wurzeln und ihren eigenen Schönheitsidealen zu stehen und sich nicht länger einer westlich dominierten Ästhetik zu beugen.
José Hendo versteht sich als Botschafterin für nachhaltige Mode und launchte bereits 2014 die Kampagne R3 - »Reduce Reuse Recycle«. Die aus Uganda stammende Modedesignerin arbeitet überwiegend mit Barkcloth, einer der ältesten Textilien aus Afrika. Dieses organische Material kombiniert sie häufig mit recycelten Materialien. Beim Entwerfen ihrer Kollektionen, wie »Signs of the Now«, die in Berlin gezeigt wird, folgt Hendo der Philosophie des Zero Waste. Eco-Fashion kann damit zu einem wichtigen Baustein für den dringend anstehenden gesellschaftlichen Wandel werden.
Auch die junge Designerin Njola aus Kampala hat sich dem Thema des sozialen Wandels verschrieben. Ihr Ziel ist es, Upcycling von ehemals toxischen Materialien wie Autoreifen oder Plastik als Kulturpraxis in Uganda zu etablieren. Für Berlin hat sie eine neue Kollektion entwickelt: »Muyunga«, was so viel wie »Vereinigung« bedeutet, entstand in Zusammenarbeit mit verschiedenen Menschen aus ihrer Community, die ihre unterschiedlichen handwerklichen und gestalterischen Fähigkeiten in das Projekt eingebracht haben. Jedes verwendete Material hat seine eigene Geschichte von der Produktion bis zur Konsumtion durchlaufen, bevor es in einem neuen Kontext revitalisiert wurde. Der Patchwork-Effekt ihrer Kollektion spiegelt somit die Arbeit an und mit der Community.
Lamula Andersons Mixed-Media-Installation »The Perfect Stereotype« setzt sich kritisch mit verschiedenen stereotypen Vorstellungen zum äußeren Erscheinungsbild in Mode und Haar auseinander. Historischer Bezugspunkt ist die Beschäftigung mit Frauenkleidern mit Turnüre. Die aus Uganda stammende Modedesignerin konfrontiert diese westliche Form des Kleides, die das Gesäß künstlich betont, mit Sarah »Saartje« Baartmans Schicksal - die Khoikoi wurde wegen ihres ausladenden Gesäßes zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa zur Schau gestellt. Der kritische Blick auf Körpervorstellungen wird mit dem Hinterfragen stereotyper Farbzuordnungen verknüpft: »Je dunkler die Hautfarbe, desto bunter sollte die Kleidung sein.«
Das in Dakar arbeitende Designerduo Bull Doff spielt in seinen Arbeiten mit dem Kontrast von Tradition, Modernismus und Futurismus. Die Installation »54PUNK« basiert auf einer Auseinandersetzung mit dem »pagne tissé«, einem traditionell gewebten Stoff, der im Senegal alle zentralen Stationen des Lebens - von der Geburt über die Hochzeit bis zum Tod - begleitet. Für »54PUNK« wird die traditionelle Webtechnik auf andere Materialien wie Metall übertragen. Die Textilien für die entscheidenden Lebensstationen erfahren dabei eine zeitgenössische Neuinterpretation in einer Verbindung aus Tradition und (Afro-)Punk.
Meschac Gaba hat für die Ausstellung eine Serie von zwölf Perücken realisiert, die markante Berliner Architekturen darstellen wie die Kongresshalle oder den Fernsehturm. Der international renommierte Konzeptkünstler aus Benin setzt sich schon seit mehreren Jahren mit dem Thema Haare als künstlerisches Material auseinander. Inspirieren ließ er sich von der komplexen und virtuosen Tradition der afrikanischen Haarflechtkunst. Haare sind neben der Mode das wichtigste Medium der Selbstdarstellung und Ausdruck von kultureller Identität. Seit mehr als zehn Jahren wächst in der afrikanischen Community ein neues Selbstbewusstsein für die eigene Haarkultur und deren Ästhetik. Mit jeder seiner Haarskulpturen trägt Meschac Gaba diese wichtige Bewegung auf seine eigene künstlerische Weise in die Welt.
Ken Aicha Sy ist als Kulturbloggerin und Gründerin sowie Direktorin der Plattform »Wakh'Art« und des Labels »Wakh'Art Music« eine der zentralen Akteurinnen der Kulturszene Dakars. In ihrem Projekt »Baadaye«, das auf Suaheli Zukunft bedeutet, fragt sie nach afrofuturistischen Visionen: Wie werden Afrikanerinnen und Afrikaner des Jahres 2200 sein und aussehen? Die fotografische Arbeit präsentiert in einer Anspielung auf Adam und Eva einen Mann, Djissene, und eine Frau, Awa, in den Lebensstadien Kindheit, Jugend und Alter. Als Ergebnis einer Kollaboration mit verschiedenen Künstlern aus Dakar zeichnet diese Auseinandersetzung mit dem Schöpfungsprozess anhand verschiedener Haarkreationen eine Vision zukünftiger Afro-Nachkommen. Der audiovisuelle Teil von »Baadaye« besteht aus Interviews mit Visionären aus Dakar wie dem DJ Ibaaku oder Mariam Diop, Designerin des Labels »Nomades«, die ihre Sicht auf das Thema »Afro-Futures« darlegen.


Claudia Banz und Cornelia Lund
Connecting Afro-Futures. Fashion × Hair × Design, Kunstgewerbemuseum, 24. August bis 1. Dezember 2019
Aus MuseumsJournal 3/2019, Ausstellungen