4 | 2020 Oktober – Dezember

Wie Natur die Kunst verändert

In der Liebe zu ausdrucksstarken Farben und der Naturverbundenheit
begegnen sich im Brücke-Museum Vivian Suter und die Künstler der Brücke über die Zeiten hinweg.
 
Vivian Suter, Atelieransicht, Panajachel, Guatemala, 2018
Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin und der Gladstone Gallery, New York, Brüssel; House of Gaga; Karma International; Proyectos Ultravioleta. Foto: David Regen
Mit der Ausstellung »Vivian Suter. Bonzo's Dream« entfaltet das am Rand des Grunewalds gelegene, von einem großen Garten umgebene Museum sein ganzes Potenzial. Es reflektiert die Verbundenheit der Brücke-Künstler mit der Natur und bietet für Vivian Suter, in deren Arbeiten sich die lebendige Natur fest eingeschrieben hat, eine anregende Ausstellungssituation.
Der Zusammenschluss der Künstlergruppe Brücke im Jahr 1905 lag in der Abkehr der Künstler vom akademischen Zwang der traditionellen Malerei begründet. Die jungen Architekturstudenten Fritz Bleyl, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff (später kamen u. a. noch Emil Nolde, Max Pechstein und Otto Mueller dazu) legten ihren Fokus auf das unmittelbare Erleben und spontane Darstellen der Natur, die zum Sehnsuchts- und Projektionsort wurde. Auch Vivian Suter schlug einen unkonventionellen künstlerischen Weg ein, als sie mit Anfang Dreißig, geprägt von ihrer Familiengeschichte - ihre Mutter kam aus Österreich, ihr Vater war Schweizer, Suter wurde 1949 in Argentinien geboren, das die Familie 1962 aus politischen Gründen verließ und in die Schweiz zog -, nach Guatemala auswanderte, wo sie bis heute lebt.
Suters Haus und Atelier in der Kleinstadt Panajachel nahe des Vulkansees Atitlán sind von einem großen Garten umgeben, der mit seinen frei wachsenden Palmen, Farnen, Eukalyptus-, Zitronen- und Avocadobäumen an einen tropischen Urwald erinnert. Auch das Haus ihrer Mutter, der im Februar dieses Jahres verstorbenen Künstlerin Elisabeth Wild, befindet sich in dem Garten. In dieser Umgebung verfolgt Vivian Suter ihren eigenen Weg - weit entfernt vom Kunstbetrieb. Inspiriert von der üppigen Vegetation bemalt sie mit Acryl- und Ölfarbe, Färbemittel und auch mit Regenwasser und Erde ihre Leinwände. Da sie häufig im Freien arbeitet und ihre Werke durch das Dickicht getragen werden, können Tiere, Blätter oder Wassertropfen Spuren auf den Leinwänden hinterlassen. Diese Arbeitsweise entwickelte die Künstlerin nach einem verheerenden Sturm im Jahr 2005. Regen hatte ihr Haus und Atelier überflutet und ihre Werke mit Schlamm bedeckt. Was zunächst als zerstörerische Naturgewalt über sie hereingebrochen war, verwandelte Suter in eine konstruktive Partnerschaft von Malerei und Natur.
In ihren Ausstellungen spielt die subjektive, ortsspezifische Werkanordnung durch die Künstlerin eine entscheidende Rolle. Die Leinwände hängen meist frei, vom Keilrahmen abgespannt, von der Decke, an den Wänden überlappend, oder sie werden auf dem Boden ausgebreitet präsentiert. Alles ist möglich. Die Besucherinnen und Besucher können sich individuell ihren Weg durch die Ausstellung suchen. Bei Luftzügen kommen die Leinwände sanft ins Schwingen und bringen die Atmosphäre eines tropischen Gartens in den Ausstellungsraum. In der immersiven Präsentation zeichnen sich außerdem Parallelen zur Gestaltung der Atelierwohnungen der Brücke-Künstler in Dresden und Berlin ab, die ein Treffpunkt für Freunde und Gäste waren. So verwandelte beispielsweise Ernst Ludwig Kirchner seine Wohnateliers mit selbst geschnitzten Einrichtungsgegenständen, bemalten und gebatikten Stoffen, Wandteppichen und Wandmalereien in eine Art Gesamtkunstwerk. Bis in den letzten Winkel hinein stattete er auch nach seinem Umzug von Dresden nach Berlin im Jahr 1911 sein Atelier in der Durchlacher Straße 14 und später in der Körnerstraße 45 mit selbst gefertigten Objekten aus. Er vereinte auf diese Weise seine künstlerische Tätigkeit mit dem alltäglichen Leben. Die Atelierwohnungen der Brücke-Künstler verkörperten diese Einheit und bildeten damit einen Kontrast zu den bürgerlichen Wohnungen und Lebensgewohnheiten.
Seit ihrer Teilnahme an der Documenta 14 hatte Vivian Suter international zahlreiche Einzelausstellungen, unter anderem im Institute of Contemporary Art in Boston, im Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean in Luxemburg, in der Tate Liverpool und zuletzt im Camden Art Centre in London. Im Brücke-Museum ist nun ihre erste Einzelausstellung in Deutschland zu sehen. Hier treten die Werke nicht nur mit der Museumsumgebung in einen Dialog, sondern auch mit den historischen Werken der Brücke-Künstler: Gemälden, Wandteppichen, Steinskulpturen und weiteren kunsthandwerklichen Objekten. Die Auswahl der Exponate aus der Sammlung des Brücke-Museums traf noch Suters Mutter Elisabeth Wild. Auch einige von Wilds präzise komponierten, kleinformatigen Collagen sind Teil der Präsentation. In der Begegnung der zeitgenössischen künstlerischen Positionen und der Werke der Brücke-Künstler eröffnen sich neue Perspektiven auf Suters Arbeiten und zugleich auf die Sammlungsbestände des Museums. Das Licht, das durch die Entfernung der Verdunkelungen von einigen Oberlicht-Fenstern in den Ausstellungsraum fällt und diesen verändert, spielt dabei eine Rolle. Es lässt Suters Arbeiten in ihren intensiven Farben regelrecht erstrahlen. Auch draußen, im Garten, werden Leinwände ausgestellt. Sie befinden sich hier in einem gewollten Zustand der Verwandlung, da sie sich durch Sonneneinstrahlung, Feuchtigkeit, herumschwirrende Insekten oder den streunenden Hausfuchs ständig verändern.
Die Begegnung der historischen Position der Brücke mit Vivian Suters subjektiver, intuitiver und erzählerischer Präsentation eröffnet eine diverse künstlerische Auseinandersetzung mit der Natur. Suters Arbeiten zeugen von einer harmonischen Verbundenheit mit der Natur in einer Zeit, in der viele Stimmen in der Gesellschaft ein Umdenken im Umgang mit den natürlichen Ressourcen unseres Planeten fordern.

Vivian Suter. Bonzo's Dream
bis 14. Februar 2021

Irene Bretscher
Wie Natur die Kunst verändert, Brücke-Museum
Aus MuseumsJournal 4/2020, Ausstellungen