Sonderausgabe

Verzicht weckt Sehnsucht. Die Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in der Corona-Krise

Die Corona-bedingte Schließung ihrer Häuser generiert für die Staatlichen Museen zu Berlin einen monatlichen Einnahmeverlust von etwa zwei Millionen Euro. Geld, das in den kommenden Jahren fehlen wird, sagt Hermann Parzinger, Präsident der größten deutschen Kultureinrichtung. Welche Entwicklungen noch mit der Krise verbunden sind, berichtet er ausführlich in unserer Sonderausgabe.
 
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin
© Staatliche Museen zu Berlin. Foto: Maximilian Meisse
Wir alle haben das öffentliche Leben seit Mitte März mit einer Vollbremsung auf nahezu null bringen müssen, und das in einer Weise, wie ich es mir zuvor nicht hätte vorstellen können. Strahlender Sonnenschein liegt auf der Museumsinsel in der Mitte Berlins, aber sie ist seit Wochen menschenleer, Nofretete ist allein zu Haus, alle Türen sind verschlossen, auch die unserer Bibliotheken und Archive. Aber wir haben damit viel gewonnen, die Pandemie scheint beherrschbar zu werden, und das Erreichte dürfen wir jetzt nicht gleich wieder durch unbedachtes Agieren verspielen. Sicher ist, wir können nicht einfach da anknüpfen, wo wir vor dem Shutdown aufgehört haben. Die Welt ist eine andere geworden.
Wenn wir uns mittlerweile Gedanken machen, wie wir schrittweise und mit größter Vorsicht wieder öffnen können, dann ist für uns maßgeblich, welche Vorgaben das Land Berlin macht. Hygienemaßnahmen spielen eine entscheidende Rolle. Um alles praktisch umzusetzen, sind viele ganz konkrete Fragen zu klären. Woher bekommen wir die vielen Plexiglasscheiben, die wir an den Kontaktstellen anbringen müssen? Welche Häuser eignen sich, weil sie geräumig genug sind, um die Abstandsregeln einhalten zu können? Wie schnell können wir unser Aufsichtspersonal reaktivieren, das zum großen Teil von externen Firmen gestellt wird?
Die Staatlichen Museen zu Berlin haben seit Langem gut funktionierende Tools für das Besuchermanagement. Um Schlangenbildung vor den Häusern zu vermeiden, sind konkrete Besuchszeiten vorab im Internet zu buchen. Lange Schlangen vor der Tür zur Ausstellung, diesen Traum jedes Museumsmachers gilt es jetzt unbedingt zu vermeiden, damit die Infektionszahlen nicht wieder ansteigen. Der nationale und internationale Tourismus, der Berlin so viel Leben einhaucht und ein maßgeblicher Wirtschaftsfaktor der Stadt ist - er wird auch den Museen vermutlich noch lange fehlen. Wenn wir jetzt prüfen, welche Häuser wir in einem ersten Schritt wieder öffnen, dann tun wir das vor allem für das Berliner Publikum. Die Menschen sollen sich in diesen schweren Zeiten wieder an Kunst und Kultur erfreuen können und auf andere Gedanken kommen.
Die große Frage ist, wie sich das mit großem Vorlauf geplante und eng aufeinander abgestimmte Ausstellungsprogramm neu justieren lässt. Was können wir verschieben und einige Monate später eröffnen, welche Laufzeiten müssen wir möglicherweise verkürzen? Vieles hängt davon ab, wann halbwegs normales Leben zurückkehrt. Für die zweite Jahreshälfte sind große Ausstellungen geplant. Ob die Präsentation zur Spätgotik in der Gemäldegalerie und die Germanen-Ausstellung in der James-Simon-Galerie wie vorgesehen eröffnen können oder ebenfalls verschoben werden müssen, lässt sich heute noch nicht entscheiden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Für die Stiftung mit ihren Staatlichen Museen bringt die Schließung große Einnahmeverluste mit sich, etwa zwei Millionen Euro pro Monat - Geld, das uns im nächsten Jahr nicht nur für die Programmarbeit fehlen wird, sondern das auch zur Deckung steigender Personal- und Betriebskosten fest eingeplant war. Die schrittweise Öffnung einzelner Häuser ohne touristisches Publikum wird daran wenig ändern, weil wir zum Beispiel für deutlich weniger Besucher erheblich mehr Aufsichtspersonal benötigen, um die Hygienemaßnahmen gewährleisten zu können.
Aber auch ein anderer Aspekt ist mit der Krise verbunden. Nach der Schließung der Häuser war uns sofort klar, dass es jetzt besonders auf die digitalen Angebote ankommt. Die Museen haben hier in den vergangenen Jahren sehr gut vorgearbeitet und ein ausgezeichnetes Angebot verfügbar. Und so vieles kam in den letzten Wochen der Krise noch hinzu. Das Bode-Museum etwa bietet attraktiv gestaltete virtuelle Rundgänge durch das ganze Haus, die auch mit der Objektdatenbank SMB-digital verknüpft sind und enorme Klickzahlen generieren. Dank der Zusammenarbeit mit Google Arts & Culture (mJ 2/2020) präsentieren wir zehn Sammlungen mit vierzig Ausstellungen und etwa 5 000 Objekten. Und wenn uns Stefan Weber, der Direktor des Islamischen Museums, in einer virtuellen Tour zur berühmten Mschatta-Fassade mitnimmt, dann erreicht er allein damit 10 000 Menschen. Aber auch die anderen Direktoren stellen uns in der Serie »Allein im Museum« auf YouTube ihre Sammlungen vor. Wenn ein kurzer Film zu Cranachs Jungbrunnen 150 000 Mal aufgerufen und 250 Mal in den sozialen Medien geteilt wird, dann sind das tolle Erfolge.
Seit Längerem schon zeigen die Staatlichen Museen in ihrem Blog »Museum and the City«, was sich so alles hinter den Kulissen tut. Er wird in Zeiten geschlossener Museen zunehmend aufgerufen. Unsere Kuratorinnen und Kuratoren geben darin Einblicke in ihre Arbeit und erzählen die vielen großen und kleinen Geschichten, die sich um ihre Objekte ranken. In der Reihe »Die Biografien der Objekte« zum Beispiel stellen Provenienzforscherinnen die wechselvollen Wege einzelner Werke in die Sammlungen vor. Ganz neu ist in unserem Blog auch eine Spotify-Playlist mit den legendären Konzerten in der Neuen Nationalgalerie, als in den Sechziger- und Siebzigerjahren Jazz-Größen wie Keith Jarrett zu Gast waren.
Wir erreichen mit den digitalen Angeboten sicher verstärkt ein jüngeres Publikum, das vielleicht gerade dadurch zu späteren Besuchen unserer Häuser und Sammlungen animiert wird. Denn nur dort ist das authentische Erlebnis des Originals möglich, das durch nichts zu ersetzen ist. Auch sind die Museen heute mehr denn je soziale Orte, an denen wir uns austauschen, anregen lassen und unsere Eindrücke mit anderen teilen. Auch deshalb vermissen die Menschen das offene Museum so sehr. Doch Verzicht weckt Sehnsucht. Deshalb bin ich sicher, dass wir nach der Krise einen neuen Museumsboom erleben werden.




Hermann Parzinger
Verzicht weckt Sehnsucht. Die Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in der Corona-Krise, Staatliche Museen zu Berlin
Aus MuseumsJournal 3/2020, Was war?


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