Sonderausgabe

Die Wucht der Langsamkeit

Begleiten Sie die Künstlerin Friederike von Rauch während des Shutdowns auf ihrer Suche nach Fundstücken von Besuchern in vier Berliner Museen. Erkennen Sie die Orte wieder?
 
Friederike von Rauch, DTM2, 2020
© Friederike von Rauch
Was bleibt von den Besuchern, wenn die Museen geschlossen sind? Welche Spuren und Zeichen können wir noch lesen, wenn die Ausstellungsräume menschenleer und damit ihres Zweckes beraubt sind? Wir haben die renommierte Fotografin Friederike von Rauch auf die Suche in vier Berliner Museen geschickt.
Friederike von Rauch ist bekannt für ihre ruhigen, klaren und gleichsam atmosphärischen Aufnahmen von Bauwerken wie Museen, Klöstern, Kirchen und Musikhäusern. In Berlin etwa hat sie im Auftrag von David Chipperfield und Hatje Cantz die Endphase der Renovierung des Neuen Museums fotografisch begleitet und dabei die Brüche von Bau- und Zeitgeschichte in Bilder gegossen. Auch die Deutsche Oper und Hans Scharouns Philharmonie hat sie den Berlinern aus ganz ungewöhnlichen Blickwinkeln neu vorgestellt und dabei scheinbar marginale Details der Räume zum Leuchten gebracht. Keine andere vermag die Magie eines Ortes in einem einzigen Bild so zu verdichten wie Friederike von Rauch.
In unserem Auftrag hat die Künstlerin das Alte Museum (SMB), das Deutsche Technikmuseum (DTM), das Deutsche Historische Museum (DHM) und das Georg Kolbe Museum (GKM) besucht. Großer Dank gebührt an dieser Stelle den Verantwortlichen dieser Häuser für die spontane Zusage und den unkomplizierten Einlass in die Ausstellungshallen in Zeiten des Shutdowns.
Entstanden ist eine Fotostrecke voller Poesie, die zurückgelassene Artefakte von Museumsbesuchern aufspürt. Es entsteht der Eindruck, als sei die Abwesenheit der Menschen in den Räumen nur vorübergehend, als schwebe das Versprechen in der Luft, bald wiederzukommen. Liegt dort nicht eine vergessene Zeitung? Und hat da nicht jemand seine Taschenlampe verloren? Als Betrachter dieser Fotos begeben wir uns auf Spurensuche, nicht nur nach Fundstücken der Besucher, sondern auch nach Anhaltspunkten, die uns das Museum verraten. Doch schon bald merken wir, dass wir nicht zu suchen brauchen, sondern uns einfach in die Orte versenken dürfen. Die bildgewordenen Räume sind von ihrem Ursprungsort autonom geworden. Von Rauch hat sie abstrahiert und mit neuer Bedeutung aufgeladen. Ihre Bildräume repräsentieren kein bestimmtes Museum, vielmehr sind sie durch ihre Linse zu universellen Räumen erhoben, unabhängig von Ort und Zeit.
Vielleicht nimmt sich von Rauch deshalb so viel Zeit für den Entstehungsprozess. Seit 20 Jahren arbeitet sie konsequent analog. Immer dabei ist ihre alte Rollei, die sie ihren »verlängerten Arm« nennt. »Analog arbeiten ist kostspielig. Ich überlege sehr genau, bevor ich auslöse.« Seit jeher ist sie fasziniert von leeren Räumen und arbeitet dort am liebsten allein. Bevor von Rauch den Ausschnitt wählt, schreitet sie die Räume ab, erfühlt die Atmosphäre, das Licht, die Stimmung. Manchmal kann es Tage, Wochen, sogar Monate dauern, bis sich Schatten, Türen, Linien und Öffnungen zu einer Komposition verbinden. Hat sie ihr Motiv gefunden, stellt sie ihr Stativ auf und fotografiert. »Ich mag es, dass ich nicht sofort sehe, was ich fotografiert habe, sondern warten muss, bis die Negative entwickelt sind.« Der gesamte Prozess von der Negativentwicklung über das Editieren, das Scannen der Negative bis hin zum Druck nimmt viel Zeit in Anspruch und gleicht einem langsamen Malprozess. Und so zeichnen sich ihre Bilder auch durch die haptische Materialität der matten Körnung aus. Ein weiteres Charakteristikum ihrer Bilder ist das quadratische Format, das den Fotografien Absolutheit verleiht. Es entsteht eine Spannung, wenn sie ihre schwebenden Bildräume in die Strenge dieser geometrischen Grundform setzt.
In diesen Krisenzeiten, wo uns der unmittelbare Kunstgenuss genommen ist und die unendliche Flut der digitalen Angebote keinen befriedigenden Ersatz bieten kann, vermögen die erhabenen Bilder von Friederike von Rauch etwas Bleibendes und Tröstliches zu schenken.

Minh An Szabó de Bucs
Die Wucht der Langsamkeit
Aus MuseumsJournal 3/2020, Fotostrecke: Fundstücke


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