Sonderausgabe

»May you live in interesting times«

Welchen Herausforderungen muss sich in dieser Krise ein Museum stellen, das noch gar nicht eröffnet ist? In unserer Sonderausgabe gibt Hartmut Dorgerloh einen Einblick in Deutschlands größte Kulturbaustelle - das Humboldt Forum.
 
250 Jahre jung! Zum Geburtstag von Alexander von Humboldt
© SHF. Foto: David von Becker
Wer hätte gedacht, dass uns das Motto der letztjährigen Biennale von Venedig kurz darauf mit so großer Wucht, so unvermittelt und elementar betreffen würde? Wir schauen nicht mehr zu, was dieser - angeblich chinesische - Fluch bewirkt, wie bei so vielen anderen globalen Katastrophen und Schicksalen, mit denen wir teils souverän und hilfsbereit, teils distanziert umgegangen sind. Jetzt sind wir alle mittendrin, jeder Einzelne kann infektiös und somit auch gefährlich für alle anderen sein.
Meine erste Botschaft in die Homeoffices der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Humboldt Forums nach dem Shutdown begann mit diesem Ausruf. Er geistert seither immer wieder durch meinen Kopf, wenn ich wahrnehme, was alles an bislang Undenkbarem passiert, womit ich mich abfinden muss und was ich Neues erfahre und erlebe. Und wenn jeder Krise auch eine Chance innewohnt - wo ist sie hier zu finden?
Da das Humboldt Forum im rekonstruierten Berliner Schloss noch nicht eröffnet ist, sind wir von den Folgen der Pandemie anders betroffen als andere Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen. Die Arbeiten auf der Baustelle gehen zwar auch in diesen schwierigen Zeiten weiter. Allerdings hat die Corona-Krise spürbare Auswirkungen auf den Baufortschritt: Die Personalkapazitäten der dort noch tätigen Firmen sind geringer, vor allem seit Bauleute aus anderen EU-Staaten nicht mehr ungehindert einreisen dürfen. Und auch der Materialnachschub ist nicht immer gesichert. Gemeinsam mit unseren Partnern evaluieren wir deshalb fortlaufend, wie die Arbeiten unter den aktuellen Einschränkungen weitergeführt werden können und welche Auswirkungen sich für diese letzte Phase von Baufertigstellung und Inbetriebnahme ergeben.
Auch in der Programmentwicklung spüren wir die Folgen bereits jetzt. Zur Eröffnung des Humboldt Forums im September hatten wir nicht nur ein festes Datum, sondern auch ein umfangreiches Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm konzipiert und vorbereitet: Leihverträge waren abgeschlossen, Künstlerinnen und Künstler gebucht. Doch nun ruht der internationale Leihverkehr bis auf Weiteres, Großveranstaltungen sind bis zum 31. August untersagt - und möglicherweise auch danach noch. Wann wir eröffnen können, lässt sich im Moment nicht genau abschätzen. Fest steht aber schon jetzt: Die Krise hat uns um Monate zurückgeworfen. Und wenn das Gebäude fertig ist und wir mit der phasenweisen Eröffnung beginnen, können wir unsere Planung nicht einfach so umsetzen, als hätte es nur eine zeitliche Verzögerung gegeben. Wie viele Menschen dürfen zeitgleich in diesem neuen Stadtquartier unterwegs sein? Was bedeutet eine Zugangsbeschränkung für unsere Angebote und Formate? Müssen wir die Abläufe und den Service neu organisieren? Wie schützen wir unser Publikum und unsere Mitarbeiter vor Ort? Und wenn der internationale Tourismus so stark reduziert ist, ab wann brauchen wir Angebote auf Spanisch, Hebräisch oder Japanisch?
Unsere Kooperationen mit Partnern im In-und Ausland, insbesondere mit den Source Communitys in den USA, in Brasilien, Tansania oder Australien, die für das Humboldt Forum immanent wichtig sind, trifft es hart. Aber was heißt das schon, wenn man an die Folgen denkt, die das Virus für Milliarden Menschen im globalen Süden noch haben wird, wenn schon unsere hochgerüsteten Kliniken dem Ansturm nicht gewachsen sind? Und was können wir tun? Das Mindeste ist es, die Kontakte digital aktiv weiterzuführen, wenn wir uns schon in der Europäischen Union auf einmal ganz hurtig hinter unseren eben doch noch nicht überwundenen nationalen Grenzen verschanzt haben. Wir sind und wollen mit euch weiterhin gemeinsam unterwegs sein! Das ist unsere Botschaft, und nur so wird das Humboldt Forum ein wirklich globaler Ort des Austausches werden können, wo sich Unterschiede verbinden.
In der Corona-Krise wird eines überdeutlich: Alles beruht auf Wechselwirkung! Ökologische, soziale und ökonomische Faktoren sind eng miteinander verflochten und müssen stets im Zusammenhang betrachtet werden. Das hatte Alexander von Humboldt mit seltener Klarheit in einem globalen Horizont erkannt. Das bestimmt unseren Auftrag, getreu den Humboldt'schen Prinzipien, Natur, Mensch und Kultur zusammen zu denken und die Welt als vernetzt zu betrachten. Brauchte es wirklich erst Corona, damit wir das alle verstehen?
Derzeit bin ich optimistisch, sehe viele Herausforderungen, aber auch Impulse für positive Veränderungen. Ich bleibe gespannt auf die Biennale in Venedig im kommenden Jahr. Vieles wird dann anders sein, bescheidener und vielleicht auch unaufgeregter - was aber kein Nachteil sein muss. Und es wird diese Monsterkreuzfahrtschiffe dort nicht mehr geben. Hoffentlich für immer.

Hartmut Dorgerloh
»May you live in interesting times«, Humboldt Forum
Aus MuseumsJournal 3/2020, Was nun?


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