1 | 2021 Januar – März

Völlig vernetzt

»BERLIN GLOBAL« heißt die Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum. Im Zentrum steht die Wechselwirkung zwischen Stadt und Welt.
 
Das 360°-Wandbild im ersten Raum von How und Nosm
Foto: Alexander Schippel
Niemand ist eine Insel. Nicht einmal die Stadt, deren westliche Hälfte fast 30 Jahre als solche galt. Berlin war und ist vernetzt, Teil der Welt, und die Welt damit auch Teil von Berlin. »Alles ist Wechselwirkung«, sagte Alexander von Humboldt. Genau das vermittelt die Ausstellung »BERLINGLOBAL«, die 2021 im Humboldt Forum eröffnet.
Der Beitrag der Stadt zu diesem Zentrum für Kultur und Wissenschaft, für Austausch und Diversität ist im Forum der Nachzügler. Die Bauarbeiten liefen schon zwei Jahre, die Staatlichen Museen zu Berlin konzipierten schon viel länger, als sich im Frühjahr 2015 Michael Müller gegen den bisher dort vorgesehenen Einzug der Zentral- und Landesbibliothek entschied. Stattdessen solle eine Berlin-Ausstellung im ersten Stock Platz finden, meinte der kurz zuvor ins Amt gekommene Regierende Bürgermeister und Kultursenator. Kulturprojekte Berlin übernahm den Auftrag, die Ausstellung bis zur Eröffnung zu realisieren, und fand mit dem Stadtmuseum einen kuratorischen Partner sowie den zukünftigen Betreiber.
Ob Lange Nacht der Museen, Mauerfall-Jubiläen oder Berlin Art Week, Kulturprojekte Berlin bringen Geschichte auf die Straße und inszenieren Events, Open-Air-Ausstellungen oder digitale Angebote wie Augmented-Reality-Apps. Das Stadtmuseum Berlin bewahrt und präsentiert in seinen Häusern die wechselvolle Historie Berlins. Die Gestaltung der Berlin-Ausstellung übernahm die Agentur facts and fiction aus Köln, die viel Erfahrung im Museumsbereich, aber auch mit Weltausstellungen besitzt. Diese Kombination aus Expertise, frischem Zugang und kreativem Geist prägt »BERLIN GLOBAL«.
Schnell stand fest, dass im Humboldt Forum Berlins Vernetzung mit der Welt im Mittelpunkt stehen soll. Zudem fiel die Entscheidung, schwerpunktmäßig ab dem 19. Jahrhundert, mit den Humboldt-Brüdern und dem Aufstieg zur Weltstadt, anzusetzen. Daraus erwuchs die zentrale Idee, Berlin entlang charakteristischer Themen zu erzählen. Von 20 Vorschlägen von »Grün« über »Hauptstadt« bis »Industrie« blieben am Ende sieben: Revolution, Freiraum, Grenzen, Vergnügen, Krieg, Mode, Verflechtung. Zwar steht Mode auch für Paris, und Vergnügen kennt man in London ebenso. Doch in dieser Kombination charakterisieren die Begriffe nur Berlin.
Auf den insgesamt 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist jedem der Themen ein eigener Raum gewidmet, der in Konzeption, Gestaltung und Atmosphäre für sich steht. »Revolution« beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Umbrüchen, wobei die Schwerpunkte auf den Jahren 1848, 1918 und 1989 liegen. Von den Ereignissen in Berlin führt der Bogen zu Freiheitsbewegungen in Europa und der Welt.
»Grenzen« erinnert an den Verlauf der alten, längst vergessenen Berliner Stadtmauer, aber auch an ihre berühmte Nachfolgerin sowie Grenzen von heute, gezogen durch Einkommensunterschiede oder Rassismus. In die Textilindustrie-Werkstätten des 19. Jahrhunderts in Berlin und die Nähfabriken in Bangladesch heute führt »Mode«. »Vergnügen« erzählt von der Kultur- und Partyhauptstadt - sowie den dazugehörigen Schattenseiten. Hier tanzen Besucher*innen, wenn sie mögen, in der wohl größten begehbaren Discokugel der Welt.
Durch alle Bereiche ziehen sich Verweise auf die spezielle Geschichte des Ortes, an dem sich schon kaiserliches Schloss und sozialistischer Palast der Republik befanden. Einen weiteren roten Faden legt das Thema(Post-)Kolonialismus, das auch die anderen Ausstellungen im Humboldt Forum setzen.
Die Einführung übernehmen zwei Extra-Räume: Im Saal »Weltdenken« erzählt ein riesiges Wandbild von der Eroberung und Erschließung der Welt. »Berlin-Bilder« funktioniert wie ein begehbares Inhaltsverzeichnis. Hier werden die sieben Themen kurz vorgestellt - und jeweils mit einem Gegenentwurf konfrontiert. Schließlich ist jeder der Begriffe auch Klischee und gehört damit hinterfragt und gebrochen. »Freiraum« oder »Verflechtung« sind charakteristische Elemente Berlins. Aber auch das Gegenteil ist immer wahr.
Um das Besuchserlebnis möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, spricht »BERLIN GLOBAL« mehrere Sinne an. Die zentralen Inhalte werden in zwölf Sprachen inklusive Deutscher Gebärdensprache angeboten; es gibt ein Bodenleitsystem und eine audiodeskriptive Tour. Hinzukommen spezielle Online-Formate wie das Weltdenken-Wandbild als 360°-Experience oder eine Augmented-Reality-Episode.
Dass die erste Etage des Forums ursprünglich für die Landesbibliothek vorgesehen war, hat Spuren hinterlassen. Dazu gehören fest installierte Medienkabinen oder ein gläserner Workshopraum mitten in der Ausstellungsfläche. Letzterer führt nun ein neues Leben als begehbare Vitrine. Solche Improvisationen sorgen für einen speziellen Sonderausstellungs-Charme. Andere Bereiche sind bewusst modular gestaltet, um im Lauf der Zeit Veränderungen vornehmen zu können. Drei Sonderflächen werden jeweils für ein Jahr von externen Partnern bespielt, zur Eröffnung beispielsweise von einer Werkstatt der Lebenshilfe für Menschen mit Beeinträchtigungen. So bleibt die Ausstellung wie Berlin: wandelbar.
Eine weitere Herausforderung neben den räumlichen Gegebenheiten war die Planung im laufenden Baubetrieb,Verschiebungen im Zeitplan inklusive. Weil die Entscheidung für »BERLIN GLOBAL« so spät fiel, kam es zu skurrilen Situationen. Bevor Konzept und Inhalt standen, mussten etwa schon die Farben der Fußböden und Wände und die Dicke der Verdunkelungsvorhänge festgelegt werden. Das war ein Drahtseilakt.
Dessen Ergebnis ist nicht die vollumfassende Erzählung der Stadthistorie von der Eiszeit bis heute. Vielmehr kann mit »BERLIN GLOBAL« die komplexe Geschichte voneinem breiten Publikum bewältigt werden. Wer Themen wie die Mauer oder Urban Art noch weiter vertiefen möchte, auf den wartet die vielfältige Museumslandschaft Berlins.
Ein weiterer Unterschied zu bereits bestehenden Angeboten ist der Fokus auf internationalen Vernetzungen und Wechselwirkungen. Was hat Berlin in die Welt getragen? Und was wirkte in die Stadt zurück? Dieser Brückenschlag erfolgt auch räumlich: Der Weg von der Eingangshalle imErdgeschoss zu den Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museum für Asiatische Kunst in den oberen Etagen führt mitten durch Berlins Geschichte im ersten Stock.
Dieser Geist von Interaktion und Verbindung prägte bereits die Konzeption der sieben Themenräume, in die Institutionen, Vereine und die Zivilgesellschaft mit ihren Expertisen eingebunden waren. Berlin ist eine Stadt derVielfalt, in der vieles nicht top-down, sondern bottom-up funktioniert. Unterstützung kam von Jugendclubs, der Robert-Havemann-Gesellschaft oder der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft. Das Urban-Artist-Duo How and Nosm aus New York gestaltete das 360°-Wandbild »Weltdenken«. Den Revolutionsraum bebildern Arbeiten der in Berlin lebenden ägyptischen Künstlerin Hanaa El Degham, die am Arabischen Frühling beteiligt war. So macht »BERLINGLOBAL« Subkulturen sichtbar, die an einem so zentralen Ort wie dem Humboldt Forum sonst selten vertreten sind.
Folglich sind auch die Besucher*innen nicht nur stumme Konsument*innen. Sie sollen Spaß haben, aber auch inspiriert und zur kritischen Auseinandersetzung animiert werden und sich selbst vernetzen. Neben interaktiven Formaten in der gesamten Ausstellung gibt es mit der Lounge am Ende des Rundgangs dafür einen Extraort. Als Hilfestellung und Initialzündung übernehmen kommunikative Connector*innen die Aufsicht. Sie sind ansprechbar, sprechen an und fordern zum Mitmachen auf. In Berlin eröffnet schließlich kein Humboldt-Museum, sondern ein Humboldt Forum. »Don't wait for politics. Do it.« Dieses Motto passt zur Stadt und soll auf die Gäste überspringen.

»Berlin Global« eröffnet im Frühjahr 2021.

P. Spies, B. Sommer, M. van Dülmen, S. Leimbach
Völlig vernetzt, Humboldt Forum
Aus MuseumsJournal 1/2021, Vorberichte: Humboldt Forum