1 | 2021 Januar – März

BRAUN 100

Zum Firmenjubiläum zeigt das Bröhan-Museum die Design-Ikone als komplexe Erfolgsgeschichte im Nachkriegsdeutschland.
 
Tischradio SK 2-2, 1959. Design: Artur Braun, Fritz Eichler
© BRAUN P&G/Braun Archive Kronberg
»Man hat den Eindruck, daß jedes Braun-Erzeugnis ganz streng im Einklang mit gewissen Regeln gestaltet ist - nicht etwa nach den Regeln eines Normenbuches, sondern gemäß den Gesetzen einer Gestaltungsethik. Jeder Entwurf aus dem Hause Braun scheint drei allgemein gültigen Gesetzen zu unterliegen: dem Gesetz der Ordnung, dem Gesetz der Harmonie und dem Gesetz der Sparsamkeit.«
(Richard Moss: Braun-Stil, in: Der Braun-Sammler,Ausgabe 5, 1986)
Wie bei kaum einem anderen Unternehmen ist das Image der Marke Braun an das Design ihrer Produkte geknüpft. Ob Rasierapparate, Hifi-Anlagen, Uhren oder Küchengeräte, sie alle verbindet eine Formensprache, die in Kombination mit der Handhabung als Höhepunkt des gestalterischen Funktionalismus bis heute Schule macht. Im Jahr 2021 jährt sich die Firmengründung zum 100. Mal.
Anlass genug, dem Braun-Stil, der zum Inbegriff des deutschen Nachkriegsdesigns wurde, in einer Ausstellung nachzuspüren. Die Schau im Bröhan-Museum will zeigen, dass es sich bei der Entstehung dieses Stils um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener historischer Bedingtheiten handelt, die sich nicht allein auf Fragen der Gestaltung reduzieren lassen. Die prägnante Formensprache des Braun'schen Industriedesigns ist nicht allein das Resultat einer erfolgreichenDesignabteilung, sondern auch Ergebnis politischer Strukturen, kultur- und kunsthistorischerFaktoren sowie marktorientierten Unternehmertums.
Artur und Erwin Braun sind 26 und 30 Jahre alt, als ihr Vater 1951 völlig unerwartet stirbt und sie die Verantwortung für das Familienunternehmen mit 800 Mitarbeitern übernehmen. Während sich Artur der Leitung der technischen Abteilung annimmt, sucht Erwin nach neuen Wegen, die Firma in einem immer härter werdenden Wettbewerb auf dem Markt zu behaupten. Den Ausschlag für die Ausrichtung der Produktion gibt eine Untersuchung des Allensbacher Instituts für Demoskopie. Der repräsentativen Umfrage zufolge würden sich 36 Prozent der befragten Frauen für einen modernen Wohnstil entscheiden. Das Angebot der Rundfunkgeräte und Fernseher hat sich diesem Trend noch nicht angepasst. Indem sie diese Marktlücke besetzen, finden die Gebrüder Braun ihre unternehmerische Strategie, die sie unter das Motto »Für modernen Lebensstil« stellen.
Was ist eigentlich modern? 1939 hat Erwin Braun beim Militär den zehn Jahre älteren Fritz Eichler kennengelernt, einen promovierten Theater- und Kunstwissenschaftler, der ihn erstmals auf Idee und Ästhetik des Bauhauses aufmerksam macht. Sie werden Freunde, 1954 Kollegen und noch 1975 bezeichnet Erwin Braun Fritz Eichler als seinen Mentor. Eichler übernimmt 1956 die Leitung der Abteilung Form- und Werbegestaltung und zeichnet damit verantwortlich für das Erscheinungsbild der Firma und ihrer Produkte. Eichlers Tätigkeiten bei Braun sind vielfältig: Er findet die passenden Worte für die Visionen der Unternehmensspitze, vermittelt zwischen Mitarbeitern der verschiedenen Abteilungen, behält die Philosophie der Firma im Auge und sorgt dafür, dass diese sich als verbindende Kultur in allen Bereichen manifestiert - von Produkten, Verpackungen, Schaufenstern und Vertreterkoffern über das Personal bis hin zum Auftritt auf nationalen und internationalen Messen.
Ab 1954 beginnt Erwin Braun systematisch damit, Kontakte zu ehemaligen Vertretern des Bauhauses aufzubauen, jener Institution, die in der jungen Bundesrepublik wie keine andere Modernität verkörpert. In Darmstadt besucht er einen Vortrag von Wilhelm Wagenfeld; die Ausführungen des Bauhausschülers über den geistigen und praktischen Nutzen von Industriedesign, dessen gesellschaftlichen Wert und die daraus resultierende Verantwortung der Hersteller beeindrucken ihn nachhaltig. Er beauftragt Wagenfeld kurzerhand, bei der Gestaltung des neuen Geräteprogramms zu helfen. Und obwohl die konkrete Zusammenarbeit nicht lange währt, hält Braun an Wagenfelds moralischer Orientierung fest. Auf seiner Suche nach passenden Gestaltern für einen modernen Lebensstil wird Erwin Braun auf die Ulmer Hochschule für Gestaltung (HfG) aufmerksam, die sich als legitime Nachfolgeinstitution des Bauhauses versteht. Max Bill, selbst Bauhausschüler und erster Direktor der HfG, ist der Ansicht, dass Universalität nur durch Klarheit möglich sei. Er tritt daher für einen geometrischen Formalismus ein und ist der Überzeugung, dass ein auf mathematischen Gesetzen beruhendes Produktdesign zu ästhetischer Reinheit und höchster Anziehungskraft führt. 1954 beauftragt Braun den Ulmer Dozenten und Bill-Vertrauten Hans Gugelot mit der Gestaltung moderner Radiogehäuse, die dieser gemeinsam mit seinen Studenten in Ulm entwickelt - dies ist der Beginn einer Symbiose aus Wirtschaftsunternehmen und Ausbildungsstätte, die den Ruf beider Institutionen nachhaltig prägen wird.
Brauns Entscheidung für einen modernen Stil verbindet sich in der deutschen Nachkriegszeit mit einer politischen Dimension immensen Ausmaßes. Einerseits ist das Anknüpfen an die von den Nationalsozialisten verfemte Moderne ein provokativer Bruch mit der nationalistisch-kulturkonservativen Gesinnung vieler Deutscher. Andererseits ist sie ein Schulterschluss mit den westlichen Besatzungsmächten im Kontext der Entstehung des Kalten Krieges. Die Ulmer Hochschule ist von Inge Scholl und Otl Aicher initiiert worden, Schwester und naher Freund der 1943 von den Nationalsozialisten ermordeten Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl. Zu den finanziellen Unterstützern zählt neben verschiedenen Stiftungen auch die Regierung der USA. Das Geld stammt aus einem US-Fonds, der nach dem Zweiten Weltkrieg der demokratischen Erziehung der deutschen Bevölkerung dienen soll. 1957 eröffnet in Berlin die Internationale Bauausstellung. Sie umfasst sachlich-moderne Neubauten internationaler Stararchitekten, die im geteilten Berlin einen städtebaulichen Kontrast zum sozialistischen Klassizismus der Stalinallee bilden. Die IBA 57 wird für Braun zum Durchbruch. Die neuartigen Geräte der Firma werden als Einrichtungsgegenstände von zahlreichen Architekten übernommen. Sie fügen sich in die Ästhetik der internationalen Nachkriegsmoderne ein und werden zu westlich-liberalen Bedeutungsträgern.
Dies sind nur einige Aspekte jener Verflechtungen von Design, Kunst und Politik in der 100-jährigen Geschichte der Firma Braun, die in der Ausstellung thematisiert werden. Die Marke ist eine Ikone der Designgeschichte, ein historisches Phänomen und lebendiges Erbe, das weit über die Grenzen ästhetischer Diskurse hinausragt. Die Deutungshoheit über Mythos und Logos des Braun-Designs liegt längst nicht mehr in Firmen- oder gar Familienhand. Denn was Braun war, ist und einmal sein wird, verhandelt eine heterogene Basis aus internationalen Vereinen, Sammlern, Zeitzeugen, Geschichtsschreibern und Kunden bis heute.

Fabian Reifferscheidt
BRAUN 100, Bröhan-Museum, 24. Februar – 30. Mai 2021
Aus MuseumsJournal 1/2021, Ausstellungen