2 | 2021 April – Juni

»Ja, ja, ja, nee, nee, nee«

Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys feiert ihn der Hamburger Bahnhof als einen Künstler, der die plastische Kraft der Sprache erkannte
 
Joseph Beuys in seiner Wohnung in Düsseldorf, 1981, Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek, Sammlung Marzona
Foto: Winfried Göllner
Am 12. Mai 2021 wäre Joseph Beuys hundert Jahre alt geworden. Unbestritten gehört der im Rheinland geborene Künstler zu den einflussreichsten Figuren in der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Skulpturen, Installationen, Zeichnungen, Aktionen und öffentlichen Auftritten hat er unsere Vorstellung von dem, was Kunst ist, weit gedehnt. Anlässlich seines Geburtstags widmen wir uns am Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin in der Ausstellung »Von der Sprache aus« dem Stellenwert der Sprache in seinem Werk.
Wenngleich sich Beuys seit den frühen 1960er-Jahren in zahlreichen Diskussionen und Interviews als sprechender Künstler zeigte, steht sein Werk doch vor allem für eine neue Idee von Plastik. Im Rahmen seiner plastischen Theorie begriff er sämtliche Handlungen, die an der Umgestaltung der Gesellschaft Anteil haben, als Kunst. Handelte es sich bei bildhauerischen Werken traditionell um statische Gegenstände im Raum, reichte Beuys' Verständnis von Plastik bis hin zu gesellschaftlichen Prozessen. Diese Verschiebung vom Objekt zum Prozess steht mit dem hohen Stellenwert in Zusammenhang, den er der Sprache beimaß.
Am 20. November 1985 hielt Beuys in den Münchner Kammerspielen im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Reden über das eigene Land: Deutschland« eine seiner letzten öffentlichen Reden, bevor er am 23. Januar 1986 starb. Im Rückblick auf sein Schaffen bemerkte er: »Mein Weg ging durch die Sprache, so sonderbar es ist, er ging nicht von der sogenannten bildnerischen Begabung aus.« Ob gedacht, gesprochen oder geschrieben, Sprache vollzieht sich immer in einem Prozess, durch den wir mit der Welt in Beziehung treten. Im Wechselspiel von Zeichensystemen, Stimmgebung und Resonanzen, also von geistigen, körperlichen und räumlichen Vorgängen, bestand für Beuys insbesondere beim Sprechen ein enger Zusammenhang von sprachlichen und plastischen Prozessen. In der Ausstellung nehmen wir diese Vorstellung einer plastischen Kraft der Sprache unter den Stichworten Schweigen, Laute, Begriffe, Schrift, Geheimnis, Legende und Sprechen in den Blick. Die Reihenfolge der Räume ist lose am Prozess der menschlichen Sprachentwicklung orientiert und wird zudem durch die Standorte der dauerhaft im Hamburger Bahnhof installierten Werke bestimmt.
Neben Installationen wie »Richtkräfte einer neuen Gesellschaft« zeigen wir eine Bandbreite an Werken, darunter das Zeichnungskonvolut »The secret block for a secret person in Ireland«, das Multiple »Das Schweigen« sowie Filme von Beuys' Aktionen. Das Ausstellungsthema wurde mit den Beständen der Nationalgalerie und den Dauerleihgaben der Sammlung Marx entwickelt. Hinzu kommen umfangreiche Konvolute an Zeichnungen, Plakaten, Publikationen und Ephemera aus den Sammlungen des Kupferstichkabinetts und der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin. So veranschaulichen Dokumente aus den Sammlungen Marzona und Sohm die Entstehungskontexte von Beuys' Werken. Mit rund 170 gänzlich aus den Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin stammenden Exponaten verstehen wir die Ausstellung als Beispiel für nachhaltiges Kuratieren an Museen.
In seiner Münchener Rede thematisierte Beuys die plastische Kraft der Sprache nicht allein, um allgemein sein Konzept eines erweiterten Kunstbegriffs darzulegen. Vielmehr band er sie an die konkrete Frage, wie dem Erbe des Nationalsozialismus und dem Rassismus seiner Gegenwart zu begegnen sei. Dieser Fokus ergab sich aus dem Kontext der Reden vierzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, die das Verhältnis der Deutschen zur nationalsozialistischen Vergangenheit in den Vordergrund rückten. Beuys begann: »Wenn ich hier zum Thema vorgefunden habe: Sprechen über dieses Land, so denke ich, das erste, was zu dieser Auferstehung führen würde, wäre der Born dessen, was wir die deutsche Sprache nennen. In dieser Auferstehung aus einer Zerstörtheit, die uns alle betrifft [.]« Hier und an anderen Stellen offenbarte Beuys bis in die Wortwahl hinein seine Orientierung an einem in der Anthroposophie gründenden Kulturverständnis. So wichtig Beuys' Konzept der plastischen Kraft der Sprache und seine plastische Theorie für die künstlerischen und kulturellen Entwicklungen bis in unsere Gegenwart auch sind, so deutlich zeigen sich doch die Grenzen seines Sprachbegriffs, wenn es um den Umgang mit der deutschen Geschichte geht. Angesichts des Vergangenen kann es weder einen von Schuld befreiten Ursprung geben noch die Möglichkeit von Heilung und Auferstehung. Die unzähligen rassistisch motivierten Äußerungen und Taten unserer Gegenwart, die immer lauter vorgetragenen Relativierungen nationalsozialistischer Verbrechen belegen, dass es keinesfalls einen Bruch mit dem Vergangenen gegeben hat und dass wir kontinuierlich mit rassistischem Denken und Handeln konfrontiert sind.
In der Ausstellung »Von der Sprache aus« möchten wir Orte des Nachdenkens und der Diskussion anbieten. Wo kommt die Sprache her, wo führt sie hin? Was kann sie angesichts von Verletzungen, Leerstellen und Unversöhnlichkeiten, die aus dem Vergangenen resultieren, ausdrücken und bewirken? Im Katalog nähern sich Sandra Burkhardt und weitere Mitglieder des Kollektivs Die Wiese / جرم der Neuen Nachbarschaft Moabit aus unterschiedlichen kulturellen und literarischen Perspektiven Beuys' Gedanken über Sprache. In der Schau sind seine Werke mit der Explizitheit der Gedichte von Galal Alahmadi konfrontiert. Barbara Gronau, Kolja Kohlhoff, Maja Naef, Stefan Ripplinger, Holger Schulze, Tobias Vogt und Matthias Weiß vertiefen im Katalog einzelne Aspekte der Ausstellungskapitel. Claudia Ehgartner greift das Thema Sprache aus dem Blickwinkel der Kunstvermittlung auf. Zahlreiche Veranstaltungen bieten Gelegenheit, der Kraft und den Grenzen der Sprache zwischen Schweigen und Sprechen nachzugehen.

Nina Schallenberg
»Ja, ja, ja, nee, nee, nee«, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, 13. Juni bis 19. September 2021
Aus MuseumsJournal 2/2021, Ausstellungen