Zur Rekonstruktion eines Fensters der Barockfassade und der Auffindung zweier Reliefs des Pfeilersaales
Am 30. Juli dieses Jahres, ein Jahr nach dem Beschluss des Bundestages zum Aufbau des Berliner Schlosses, wurde das erste originalgetreu rekonstruierte Fenster der Schlüterschen Barockfassade der Presse vorgestellt. Es gehört zum ersten Obergeschoss, westlich des Portals IV an der Lustgartenseite. Schon zur Entstehungszeit haben verschiedene Bildhauer an den einzelnen Fenstern gearbeitet und durch die Vielfalt in der Einheit eine lebendige Fassade geschaffen: Die Barockfassade wurde nach Andreas Schlüter auf der Schlossplatzseite von Martin Heinrich Böhme (1676 -1725) vollendet.
Unter Zuhilfenahme von Messbildphotos, die als Grundlage für die Photogrammetrie dienten, den Photos vom Schlossabriss von Kurt Reutti und Eva Kemlein sowie der vergleichenden Auswertung alter Aufmaße gelang den Architekten Stuhlemmer & Stuhlemmer in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Photogrammetrie der Technischen Universität zu Berlin die Planvorgabe für eine präzise Rekonstruktion. Der Steinmetz Carlo Wloch und der Bildhauer Mathias Körner modellierten 53 Jahre nach dem Untergang des Schlosses das erste Fenster in den Schlüterschen Formen in originaler Größe. Grundsätzlich ist die Rekonstruktion mit Hilfe der Photogrammetrie auch ohne Originalteile möglich. Die Arbeiten für die Neuschöpfung des Fensters wären aber wesentlich einfacher gewesen, hätten die beim Abriss ausgebauten Originalteile zur Verfügung gestanden. Ein seinerzeit komplett ausgebautes Fenster der Schlossplatzseite einschließlich des üppigen barocken Boukranions ist jedoch, wie viele andere Bauteile, verschollen.
Neue Funde
Am 28. August 1950 begann der "VEB Abräumung und Erdbau" mit 52 Arbeitern und durchschnittlich 16 Fahrzeugen den Schlossabriss (1). Am 30. Dezember desselben Jahres erfolgte die letzte Schlosssprengung. Unter Leitung von Gerhard Strauß hatte ein wissenschaftliches Team von 20 Mitarbeitern zuvor sämtliche Keramiken, Kacheln, Bronzen und schmiedeeisernen Gitter sichern sollen, was in diesem Zeitraum aber überhaupt nicht möglich gewesen sein dürfte und auch nicht wirklich gewollt war. Die Odyssee der dennoch geborgenen Teile über verschiedene Lagerplätze (Heinersdorf, Friedrichsfelde, Ahrensfelde, Buch), bei Museen und der Denkmalpflege begann und ist noch immer nicht beendet. Entgegen allen Veröffentlichungen lagerten auf dem Gelände des Gründerzeitmuseums in Mahlsdorf noch größtenteils überwucherte Teile von den gesprengten Portalen IV und V, die im Juli 2003 ins zentrale Depot der Staatlichen Museen zu Berlin gebracht wurden.
Im Kunstdepot des Palastes der Republik im ehemaligen Marstall befanden sich zwei Rundreliefs des Pfeilersaales des Berliner Schlosses, die heute unter der Obhut der Oberfinanzdirektion Berlin aufbewahrt werden und die hier erstmals vorgestellt werden.
Der Pfeilersaal
Friedrich Wilhelm II. ließ kurz nach seinem Regierungsantritt 1786 auf der Lustgartenseite des Schlosses durch die Architekten Carl Philipp Christian von Gontard (1731-1791) und Friedrich Wilhelm Erdmannsdorf (1736 -1800) die Räume der sogenannten Königskammern ausbauen. Im Anschluss erhielt der Architekt Carl Gotthard Langhans (1733 -1808), heute vor allem bekannt durch das Brandenburger Tor, den Auftrag, an der Schlossplatzseite die ehemaligen Wohnräume Friedrichs II. über dem Portal II bis zur Westseite Ecke Schlossfreiheit als Wohnung für die Königin Friederike Luise umzubauen. Obwohl das Königspaar vor der Thronbesteigung die Räumlichkeiten gemeinsam bewohnte, lässt der affärenumwobene Monarch (2) - erinnert sei an sein Verhältnis zu Wilhelmine Encke, der späteren Gräfin Lichtenau, und ihren gemeinsamen Sohn Alexander, den Grafen von der Mark - wohl nicht ganz zufällig die Wohnung der Königin im größtmöglichen Abstand zu seinen eigenen Räumen bauen.
Langhans, der 1788 aus Breslau zum Direktor des Hofbauamtes nach Berlin berufen wurde, baute von 1789 - 91 die später als "Königin-Mutter-Kammern" bezeichnete Wohnung um. Den Auftakt bildete der Pfeilersaal, der seinen Namen von den ursprünglich vier Pfeilern des Raumes hatte (3). Diesen ehemaligen Vorsaal zur Wohnung Friedrichs des Großen, worin bei Anwesenheit des Königs die Garde du Corps Wache hielt, veränderte Langhans grundlegend. Die Decke wurde durch ein Säulenoval aus ionischen Säulen mit kräftigem Gebälk getragen. Im Oval komponierte der Maler Johann Christoph Kimpfel (1750 -1805) das Deckengemälde mit den Göttern im Olymp. Den ovalen Raumgrundriss des Pfeilersaales von Langhans bezeichnet Johann Gottfried Schadow als "eine Form, die er mehrmals wiederholte und welche bei ihm eine Lieblingsidee war." Auch die Rundform verwendet Langhans häufig. Jeweils in einer apsidialen Nische an den Stirnseiten des Pfeilersaales befanden sich über den Kaminen Vasen sowie Rundreliefs mit dionysischen Motiven, gerahmt von Pilastern mit Karyatiden als Endung, ähnlich einer im Schloss Bellevue entwickelten Wandgliederung. Während sich Friedrich Wilhelm II. in den Königskammern auf das Leben Alexanders des Großen als Staatsmann, Krieger, Schirmherr und Förderer der Künste bezieht, befanden sich im Pfeilersaal über den Türen in Rundnischen auch Bildnisse berühmter Frauen der Antike. Jeweils drei Frauen- und drei Männerporträts schmückten den Saal, unter ihnen Veturia, Mutter des Gnaeus Marcius Coriolanus, Scipio Africanus, der Besieger der Karthager, und Bernice, Gemahlin des Diadochen Ptolemaios III., Euergetes von Ägypten. Alle Büsten sind im Krieg zerstört worden.
Die Rundreliefs
Der Pfeilersaal war von einer ausgesprochen edlen Farbigkeit. Das Dunkelgrau der Decken- und Wandreliefs harmonierte mit dem Lichtrot der Wandflächen und dem Lichtgrau der Säulen. Kapitelle und einzelne Ornamente waren vergoldet. Für die Zwickelfelder der Decke entwarf Langhans vier lorbeerumkränzte Rundreliefs, die Astronomie und Philosophie, Musik und Poesie darstellen. Ihre Verkörperung als jugendliche Frauen in antiker Gewandung greift auf tradierte Vorbilder der septem artes liberales - der sieben freien Künste - zurück, zu denen hier im eigentlichen Sinne nur die Astronomie und die Musik zählen. Alle Frauen sind sitzend auf einer mit Voluten geschmückten Standfläche mit beigeordneten Genien dargestellt. Die Astronomie berührt mit der rechten Hand ein Fernrohr und misst mit der linken eine Distanz auf der Himmelssphäre, die ein knabenhafter Atlas trägt. Die Philosophie als Königin der Künste trägt einen Lorbeerkranz im Haar, eine Schriftrolle in ihrer linken Hand, den Arm an eine Kithara gelehnt. Flankiert wird sie von einem Genius mit zwei nach oben gehaltenen Fackeln, Sinnbild des Lebens. Die Musik spielt auf einer tragbaren Orgel (Portativ), die ihr ein Genius zum Spielen hält. Die Poesie redet mit einem Genius, umgeben von Akanthus, Lilie und Schilf. Die Deutung der Reliefs ist in der Literatur nicht immer gleich: Sie werden auch als Wissenschaft, Dichtung, Musik und Gartenbau bezeichnet.
Die Deckenreliefs des Pfeilersaales dürften aus der Werkstatt Johann Gottfried Schadows stammen, der auch die Friese im ebenfalls in den Königin-Mutter-Kammern befindlichen kleinen Marmorsaal schuf. Die letzten Photos der Reliefs in situ stammen aus dem Jahre 1944. Sie zeigen, dass die Decke sehr stark gerissen war, zum Teil bis durch die Lorbeerumrandung der Reliefs hindurch. Ob die Reliefs im Zuge der Luftschutzsicherung herausgenommen oder abgeformt wurden, lässt sich gegenwärtig nicht zweifelsfrei klären. Die Beschädigung im Faltenwurf der "Astronomie" scheint der im geborgenen Stück zu entsprechen.
Die beiden aufgefundenen, im Durchmesser 90 cm großen Reliefs sind auf runden profilierten Holzplatten montiert, weisen als oberen Anstrich graue Farbe über einem darunter liegenden gelblichen Ton auf. Der durch die Photographin Eva Kemlein überlieferte Zustand des Pfeilersaales vor dem Abriss des Schlosses lässt einen Erhalt der Reliefs kaum möglich erscheinen. Die Decke war vollständig eingestürzt. Von den vor dem Abriss ausgebauten Wandreliefs, einer Karyatide sowie einzelner Bauornamentik fehlt jede Spur. Die beiden vorhandenen Deckenreliefs haben je einen Aufkleber der Transportfirma Otto Grohmann, Schulstraße 108 Berlin N 65 (Wedding). Die Firma besteht seit 1910. Sie hatte im Schloss nach Kriegsende eine Dependance und noch im Jahre 1953 besagte Adresse. Aufgrund dieser Adresse ist auszuschließen, dass die Reliefs aus dem Schadowhaus im Bezirk Mitte stammen, wo einzelne Reliefs aus Schadows Schaffen bis Ende der siebziger Jahre den Treppenflur zierten. Die Reliefs gehören auch nicht zu den sieben Medaillons, die 1928 nach der Räumung des Rauch-Museums in der Hardenbergstraße ausgebaut wurden (4). Nahe liegend wäre ein Zwischenaufenthalt der Stücke im Hohenzollern-Baudepot in der Bauhofstraße/Prinz-Louis-Ferdinandstraße 5, das 1950 aufgelöst wurde. Noch im Februar 1950 wurden Teile des Bauhofdepots in die Kellerräume des Schlosses umgelagert (5). Auf den Aufklebern findet sich der Vermerk "Keller". Zwar sind keine Rundreliefs auf den Übergabelisten erwähnt, festgehalten wurde aber, dass es schon lange zu Zerstörungen und Plünderungen gekommen war. Welchen Weg die beiden Pfeilersaal-Reliefs bis zum Kunstdepot des Palastes der Republik genommen haben, bleibt vorerst im Dunkeln; ihre Auffindung darf dennoch als Glücksfall bezeichnet werden. Die Forschung nach weiteren Artefakten des Berliner Schlosses und die Bestandsaufnahme der vorhandenen sind für den Wiederaufbau und die Baugeschichtsforschung unerlässlich.
Elke Blauert
Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin.
Anmerkungen
1 Landesarchiv Berlin: C Rep 110 - 64, S. 718.
2 Erste Ehefrau, Scheidung 1769: Elisabeth Christine Ulrike Prinzessin von Braunschweig-Wolffenbüttel (1746-1840); zweite Ehefrau: Friederike Luise von Hessen-Darmstadt (1751-1805); erste Frau angetraut zur linken Hand: Julie Gräfin von Ingenheim, geb. Voß (1766 -1789); zweite Frau angetraut zur linken Hand: Sophie Juliane Friederike Gräfin Dönhoff (1768 -1834); weitere kurze Verhältnisse: die Bankierstocher Sophie Bethmann, Müllertochter Wilhelmine Horster, Tänzerin Sophie Schulzky.
3 Zum Pfeilersaal vgl. Albert Geyer: Die historischen Wohnräume im Berliner Schloss, Berlin 1926, S. 29 - 31; Goerd Peschken: Das Berliner Schloss, Berlin 1982, S. 517- 518, T 228 - 231.
4 Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin: 1/NG 1036 Rauch-Schinkel-Museum, S. 97- 98. Die Reliefs gehören ebenfalls nicht zu den 1938 von der Akademie der Künste durch die Nationalgalerie übernommenen Beständen.
5 Schreiben 10. 2. 50, Kurt Reutti an den Magistrat von Groß-Berlin, Abt. Volksbildung an Herrn Friese, in: Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin
VA 921.
Aus Heft
4/2003
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