Ein Fabrikflügel im Hinterhof der Rosenthaler Straße in Berlin erzählt von dem Versuch, Juden vor der Deportation zu retten
Der Hackesche Markt ist heute einer der lebendigsten Orte Berlins. Touristen und Einheimische strömen über die schmalen Bürgersteige, auf dem Weg in die Cafés und Restaurants, Kinos und Kulturinstitute. Das alte Berlin ist trotz der Neubauten noch gegenwärtig: Die S-Bahn und die Straßenbahn, die hier um die Ecke biegt, bestimmen das Straßenbild noch immer stärker als die Autos, die Jugendstil-Fassaden der Hackeschen Höfe glänzen, im Varieté Chamäleon überlebt eine einst populäre Kunstform. Kaum etwas aber erinnert an die finsterste Zeit dieses Viertels: an die Jahre, als die Nationalsozialisten das jüdische Leben hier erstickten, als Geschäfte zwangsversteigert oder geschlossen wurden, der Friedhof verwüstet, als das Altersheim der jüdischen Gemeinde in der Großen Hamburger Straße und ihre Verwaltung in der Rosenstraße zu Sammellagern für Deportationen umgewandelt wurden und die verbliebenen Bewohner in ständiger Angst lebten. In einem grauen, stillen Seitenflügel gleich neben den Hackeschen Höfen fühlt man sich in diese Zeit zurückversetzt: Hier lag die Werkstatt von Otto Weidt, in der von 1940 bis 1943 etwa 35 Menschen als Bürsteneinzieher arbeiteten, fast alle Juden, die meisten von ihnen blind oder taubstumm. Weil die Räume nach dem Krieg als Lager dienten, haben sie sich nicht verändert. Noch immer knarren die Stufen der engen Wendeltreppe, die in den ersten Stock führt. Die abgeblätterten Dielen in den schmalen, hintereinander gereihten Werkstatträumen, die Farbe der fleckigen Wände, die Türen und Fenster, selbst der Blick auf das gegenüberliegende Haus sind noch genauso wie damals. Ganz hinten liegt die Kammer, in der sich die Familie Horn einige Monate lang versteckt hielt. Ein Schrank verdeckte die Tür.
Der Raum ist seit kurzem wieder fensterlos, so wie vor dem Krieg: Das nachträglich eingebaute Fenster wurde entfernt, wie auch ein Ofen, der zu Weidts Zeiten noch nicht hier stand. Die Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die die Blindenwerkstatt 2005 in ihre Obhut nahm, hat die Räume in den vergangenen Monaten saniert – ohne die Spuren der Zeit zu übertünchen – und die Ausstellung überarbeitet, die engagierte Studenten der Museumskunde an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft hier 1999 eingerichtet hatten. Die Ausstellung wurde von drei auf sieben Räume erweitert, es kamen Medienstationen und, dank jüngster Forschungen, neue Exponate hinzu. In schlichten, hölzernen Pultvitrinen liegen unscheinbare Dokumente, die von entsetzlichen Vorgängen erzählen: das Formular, in dem Chaim Horn einen Tag vor seiner Deportation Auskunft darüber geben musste, bis wann seine Miete bezahlt war und welche Familienangehörige mit ihm „auswandern“ würden, die Liste der am 19. April 1944 nach Theresienstadt Deportierten, unter denen sich auch Weidts Arbeiter Erich Frey und seine Frau finden, die Postkarte, die Weidts Sekretärin Alice Licht aus dem Zug nach Auschwitz warf, um über ihren Abtransport zu informieren.
Auf dem Gruppenfoto von 1941 sieht man sie noch alle zusammen: Der 58-jährige Weidt, der selbst fast blind war, sitzt in der Mitte, an seiner Seite die hübsche, junge Alice Licht, ringsum Frauen und Männer verschiedenen Alters, einige in Schürze oder Kittel. „Man lebt im selben Reich und bildet doch seinen eignen Staat“, schrieb Alice Licht noch im Januar 1943, fast fröhlich trotz der bedrohlichen Situation. Mitten im Berlin der Nazizeit lebten Juden und Nicht-Juden in diesem Betrieb zusammen, als gäbe es keine Nürnberger Gesetze. Weidt bezahlte sie alle gleich, er beschäftigte trotz des Verbots drei Juden im Büro, die sich bei Kontrollen der Gestapo unter der Treppe versteckten. Er ließ Lebensmittel für die jüdischen Mitarbeiter besorgen, als die ihnen zugestandenen Rationen immer kleiner wurden, und organisierte Verstecke und gefälschte Ausweise, als sie untertauchen mussten. „Er behandelte uns wie Menschen und sorgte dafür, dass wir unsere Selbstachtung nicht verloren“, sagt Inge Deutschkron, die als 19-Jährige in Weidts Büro Arbeit fand. Heute ist die Vierundachtzigjährige Vorsitzende des Fördervereins der Blindenwerkstatt.
1942, als die jüdischen Arbeiter in der Werkstatt festgenommen und in die Große Hamburger Straße gebracht wurden, gelang es Weidt sogar, seine ganze Belegschaft wieder zurückzuholen, indem er auf die „Kriegswichtigkeit“ seines Betriebs verwies – er lieferte Besen und Bürsten an die Wehrmacht – und die Gestapoleute bestach. Otto Weidt, ein einfacher Tapezierer, tat alles, was in seiner Macht stand, um seine Angestellten zu schützen, aber ohne einen Kreis von Helfern hätte er nichts ausrichten können. Die neue Ausstellung erzählt auch von ihnen: von Hedwig Porschütz, die 1943 vier Jüdinnen bei sich aufnahm und Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt für sie besorgte, bis sie gefasst und inhaftiert wurde, von Theodor Görner, der gefälschte Ausweise organisierte und in seiner Druckerei ebenfalls versteckt lebende Juden beschäftigte, oder vom Arzt Gustav Held, der den Vater von Alice Licht im Versteck behandelte. Und auch die Beamten des zuständigen Polizeireviers, die Ausweise stempelten oder vor Razzien warnten, gingen ein Risiko ein, um Juden zu helfen.
Auch vor der berüchtigten „Fabrik-Aktion“ im Februar 1943, bei der alle noch in Berlin lebenden Juden deportiert werden sollten, war Weidt gewarnt worden. Die Werkstatt blieb geschlossen, aber fast alle Arbeiter wurden auf der Straße oder zu Hause festgenommen. Acht Monate später wurde auch das Versteck der Familie Horn in der Werkstatt verraten. Bis zum Kriegsende arbeitete nur noch eine Handvoll Leute bei Weidt. Sie packten Lebensmittel für ihre früheren Kollegen in Theresienstadt. Die Dankeskarten aus dem Ghetto waren deren letzte Lebenszeichen. Alle wurden in Auschwitz ermordet, nur Alice Licht gelang, mit Weidts Hilfe, die Flucht.
Annette Meier
Täglich 10-20 Uhr. Führungen sonntags 15 Uhr. Eintritt frei.
Der Katalog zur Ausstellung kostet 8 €. Inge Deutschkron hat ihre Erlebnisse in der Blindenwerkstatt in ihrem Buch „Ich trug den gelben Stern“ beschrieben, das bei dtv erschienen ist.
Die Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand plant, das Museum zu einer Gedenkstätte „Stille Helden“ auszubauen.
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