In seinem neuen Entwurf für das zentrale Eingangsgebäude versöhnt David Chipperfield den modernen Massentourismus mit dem Geist der Museumsinsel
Fünf Solitäre sind es, die die Museumsinsel bilden, fünf Gebäude aus fünf Epochen, die einander den Rücken zukehren, ihre eigenen Eingänge und prachtvollen Schauseiten haben: das Alte Museum mit der imposanten, breiten Säulenfront, die im Lustgarten ihre feierliche Verlängerung findet, die Alte Nationalgalerie als Tempel über der Spree, das von Kolonnaden gesäumte Neue Museum, der riesige, quer auf die Insel geschobene Bau des Pergamonmuseums mit seinem majestätischen Ehrenhof und das Bode-Museum als wirkungsvoll auf die Inselspitze gesetztes Museumsschloss. Schon immer musste sich der Besucher entscheiden, ob er Gemälde des 19. Jahrhunderts sehen wollte oder Skulptur des Mittelalters, ob antike Vasen, islamische Teppiche oder die spektakulären Ausgrabungen aus Pergamon und Milet. Erst in Zeiten des Massentourismus, wenn täglich zahlreiche Busse am Kupfergraben die Reisenden für ein oder zwei Stunden ausladen, werden diese Solitäre mit ihren weit auseinanderliegenden Eingängen zum Problem. Wie soll sich der Tourist hier zurechtfinden, wohin soll er gehen, wenn er das Wichtigste nicht verpassen will? Der 1999 verabschiedete Masterplan Museumsinsel sieht drei Maßnahmen vor, um die Besucherströme zu lenken und den Museumsbesuch möglichst reibungslos in das volle Tagesprogramm des Touristen zu integrieren: zum einen den Hauptrundgang durch das Pergamonmuseum, der diejenigen, die nur eine Stunde zur Verfügung haben, an den berühmten Architekturen der alten Kulturen vorbeiführt, vom Sahurê-Tempel über die Prozessionsstraße von Babylon und den Pergamonaltar bis zur Mschatta-Fassade. Für diesen Rundgang wird Oswald Mathias Ungers einen vierten, transparenten Flügel an der Kupfergrabenseite errichten, und die Fassade des Mschatta-Schlosses wird in den Nordflügel versetzt. Zweitens soll eine archäologische Promenade vier der Gebäude auf der Insel unterirdisch verbinden – für die Besucher, die etwas mehr Zeit haben und auch noch die Nofretete im Neuen Museum und Riemenschneider im Bode-Museum sehen wollen. Und drittens braucht man ein neues, zentrales Eingangsgebäude, in dem die Angereisten Eintrittskarten kaufen, Audioguides ausleihen, ihre Garderobe abgeben und sich orientieren können, bevor sie sich dann für die kürzere oder längere Tour entscheiden, und wo sie nach dem Museumsbesuch Souvenirs kaufen und sich mit Blick auf den Schlossplatz ausruhen und stärken können. Für dieses Empfangsgebäude, das im wesentlichen ein Zugeständnis an den Massentourismus ist – schon jetzt sind die Hälfte der Inselbesucher Gruppentouristen –, hat der britische Architekt David Chipperfield, der auch das Neue Museum baut, nun einen neuen Entwurf vorgelegt. James-Simon-Galerie wird der Neubau heißen, nach dem berühmtesten Förderer der Berliner Museen, der unter anderem die Nofretete stiftete.
Der Entwurf ist eine Meisterleistung, was die Erfüllung der im Grunde widersprüchlichen Ansprüche an dieses Gebäude angeht. So soll der Bau die weitgehend im 19. Jahrhundert stehen gebliebene Museumsinsel endlich für die Bedürfnisse von heute tauglich machen, aber sich doch nicht als moderner Fremdkörper aus dem historischen Ensemble herausheben. Er soll genügend Platz für Service und Bildung bieten und doch respektvoll Abstand zu den altehrwürdigen Gebäuden halten. Er soll die zentrale Verteilerfunktion für alle über die Insel führenden Wege übernehmen, vergleichbar der Eingangspyramide des Louvre. Gleichzeitig aber soll er öffentliche Räume von hoher atmosphärischer Qualität schaffen, die auf der Insel dringend benötigt werden – vom Café über ein modernes Auditorium bis zum auch abends zugänglichen Vorplatz. Er soll die unschöne, südöstliche Ecke der Insel aufwerten, an der bis 1939 Schinkels Packhof stand, aber nicht den Blick auf das Neue Museum verstellen, er soll seine Zeitgenossenschaft nicht verleugnen, aber sich doch auch dem klassizistischen Stil der vorhandenen Gebäude anpassen.
Chipperfields Lösung für all diese Anforderungen ist ein langer, schmaler, in der Höhe abgestufter Riegel, der auf der einen Seite an den Südflügel des Pergamonmuseums anschließt und auf der anderen Seite bis an die Bodestraße herangezogen wird. Auf einem hohen, steinernen Unterbau, etwa in der Flucht des Sockels vom Pergamonmuseum, erhebt sich zum Kupfergraben hin eine von filigranen Pfeilern getragene Wandelhalle, die nur zum Teil verglast ist. Auf dieser Ebene befindet sich ein Café mit vermutlich wunderbarer Aussicht auf Kupfergraben und Schlossplatz sowie der Übergang zum Pergamonmuseum. In einem Mezzaningeschoss darunter sind Kassen, Museumsshop, Garderobe und Toiletten untergebracht, eine Ebene tiefer wiederum ein Vortragssaal, Seminar- und Sonderausstellungsräume; von hier aus steigt man auch in die archäologische Promenade herab. Der östlich an die Pfeilerhalle anschließende, niedrigere, offene Riegel scheint allein dem festlichen Empfang zu dienen. Über eine breite Freitreppe, die sich zum Lustgarten hin öffnet, gelangt der Besucher hinauf zur Wandelhalle. Deren Pfeilerreihen werden auf der Erdgeschossebene als Kolonnaden fortgeführt, sowohl auf der Nordseite des Neuen Museums als auch auf der Südseite, wo sie sich mit den Kolonnaden der Alten Nationalgalerie verbinden.
Indem Chipperfield die Stülerschen Kolonnaden um die Südwestecke der Insel herumführt, mit dem Aufgang die Schinkelsche Freitreppe zitiert und das Motiv der auf einen kräftigen Sockel gesetzten Stützen vom Pergamonmuseum übernimmt, schafft er – anders als alle seine Vorgänger – einen Neubau aus Elementen des Vorgefundenen. Mehr noch, er lässt den Zweckbau hinter diesen Pathosformeln zurücktreten. Aus eiligen Touristen macht er Flaneure, die zwischen Pfeilern wandeln und die Aussichten genießen.
Über die andererseits unverkennbar zeitgenössischen Züge dieser Architektur, nämlich die Materialien, die genauen Abmessungen der grazilen Stäbe und die Raumaufteilung, lässt sich noch nicht viel sagen. Bisher wurden nur am Computer erstellte Außenansichten veröffentlicht, keine Grundrisse, Schnitte oder Ansichten der Innenräume, denn mit der detaillierten Planung hat Chipperfield noch Zeit bis Anfang nächsten Jahres. Erkennbar aber ist schon jetzt, dass sich der Architekt mit diesem zweiten Entwurf – einen ersten hatte er 2001 vorgelegt – vorgenommen hat, den Wünschen der Bauherren und Denkmalpfleger, Modernisten und Traditionalisten, Berliner und Touristen gleichermaßen gerecht zu werden. Dass ein solcher Bau nicht auch noch architektonisch ein großer Wurf sein kann, ist nicht überraschend. Dafür aber stört er auch niemanden mehr. Alle zeigen sich zufrieden, und selbst die Gesellschaft Historisches Berlin, die gegen jeden Neubau überhaupt war, schlägt nun versöhnliche Töne an. So sieht es ganz danach aus, als könne ab 2009 gebaut werden, so dass die Museumsinsel dann ab 2012 oder 2013 ihren zentralen Eingangsbau hätte.
Annette Meier
Über den Masterplan Museumsinsel, den geplanten Hauptrundgang und die archäologische Promenade informiert anschaulich die Website www.museumsinsel-berlin.de.
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