|
|
 |
Geschwätzige Dinge und stumme Diener
|
| |
|
Das Museum der Dinge präsentiert zur Wiedereröffnung die 100-jährige Geschichte des Deutschen Werkbunds
Nach langjähriger Standortsuche ist das Werkbundarchiv – Museum der Dinge jetzt wieder präsent. Die Wieder- oder besser Neueröffnung in Kreuzberg kam rechtzeitig zum Jubiläum des Deutschen Werkbunds. Im Jahr 2007 wird die in München gegründete Vereinigung von Kunst und Industrie 100 Jahre alt. Das Werkbundarchiv – Museum der Dinge nimmt als kritischer „Erbeverwalter“ dieses Jubiläum zum Anlass, um im Rahmen seiner Eröffnungsausstellung „Der Kampf der Dinge“ die Programmatik dieser Reformbewegung in den Blick zu rücken. Es soll verständlich werden, wie und warum eine solche Reformbewegung entstand und welche Position sie im ästhetischen und kulturpolitischen Diskurs der jeweiligen Epoche einnahm. Die Zielsetzungen des DWB werden vor dem Hintergrund der heutigen Produktkultur auf ihre Zukunftstauglichkeit geprüft. Vor dem Bauhaus gegründet und in den 1920er Jahren eng mit ihm verflochten, strebte der Werkbund als Teil der utopischen Kulturbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Lebensreform an. Durch die modern-sachliche Gestaltung von industriell gefertigten Produkten, von Architektur und dem Lebensumfeld sollte der zunehmenden Entfremdung entgegengewirkt und ein neuer Verständigungszusammenhang zwischen Entwerfer, Produzent, Verkäufer und Verbraucher über die Etablierung ethisch fundierter Werte wie Qualität, Materialgerechtigkeit/Ehrlichkeit, Funktionalität/Nützlichkeit und Nachhaltigkeit geschaffen werden. Die verschiedenen Strategien innerhalb des DWB liefen darauf hinaus, das Bild einer Einheit stiftenden Kultur aufrechtzuerhalten, der Degradierung der visuellen Zeichen im Kontext der industriellen Warenproduktion entgegen zu wirken, die "potentielle Kakophonie der Warenzirkulation in einer modernen kapitalistischen Wirtschaft zum Schweigen" und "das visuelle Chaos der Moden unter Kontrolle" zu bringen. Letztlich aber haben sich auch die Werkbund-Gestalter an dem nicht aufzuhaltenden Prozess beteiligt, dass die "auf dem Markt zirkulierenden Zeichen dem Konsumenten als ein neues, gänzlich abgelöstes Bild der Warenwelt entgegentraten" (1). Letztendlich hat der Werkbund versucht, eine Übereinstimmung von Gebrauchswert und Tauschwert zu erreichen, vor allem über den Weg der aus der Technik abgeleiteten Funktionalität und Sachlichkeit der Dinge. Die Dinge sollten stumme Diener sein, nicht das Leben dominierende, eigenmächtige Warenfetische. Die kulturkritische Dimension des DWB folgt allerdings der Logik aller Kulturkritik, wie sie Hartmut Böhme bezogen auf die Tradition der Aufklärung und Moderne treffend charakterisiert: „[Es] soll auch hier das Negative, Kranke, Unwahre durch die Konfrontation mit dem Gegenbild des Positiven, Gesunden und der Wahrheit vernichtet werden. (...) Übersehen wird dabei stets, dass diese dualistische Kritikform die kritisierte Seite erst hervorbringt und erhalten muss, weil sie sonst ihren Gegenstand verliert.“ (2) Der DWB wollte eigentlich nicht kämpfen, aber zeigt in seinen Instrumenten und Schriften eine deutliche Kampfmetaphorik. Seine Zielsetzung war bis in die 1960er Jahre die Propagierung der ästhetisch und moralisch guten Form, und zwar sowohl über übliche Instrumente wie Publikationen und Ausstellungen als auch über ganz neuartige Mittel wie ein mobiles Museum zeitgenössischer Alltagskultur, Werkbundkisten und Warenkunden. In der Festsetzung eines ästhetischen Kanons in Verbindung mit moralischen Wertungen liegt der durchaus zu problematisierende Aspekt der Werkbundgeschichte, und gleichzeitig muss die Frage gestellt werden, wie nötig und sinnvoll es auch heute wäre, Orientierungsmaßstäbe zur Beurteilung von Produkten und ihrer Qualität zu geben. Die Dokumenten- und Objektsammlung des Werkbundarchivs – Museum der Dinge eignet sich besonders gut dazu, die Arbeit des Werkbunds in der erläuterten Richtung darzustellen, weil sie als ganzes eine flexible, dialogische Struktur hat und die Werkbundgeschichte immer im Kontext der Alltagskultur des 20. Jahrhunderts dokumentiert. Sie ist nicht eindimensional auf Objekte von Werkbund-Protagonisten und Produkte von Werkbundfirmen ausgerichtet, weil sich die Geschichte des DWB nicht nur als Designgeschichte erzählen, sondern erst im Spiegel der vielfältigen Aspekte alltäglicher Sachkultur nachvollziehbar machen lässt. In den in der Ausstellung gezeigten Mustersammlungen werden die spannungsreichen Verhältnisse zwischen werkbundspezifischen Produkten und Massenware, kunstgewerblichen Einzelstücken und industriellen Erzeugnissen, Objekten namhafter Designer und dem anonymen Design, hoch definierten künstlerischen Entwürfen und individuell gestalteten Notprodukten, funktionalen, puristischen Objekten und dem, was früher als Hausgräuel und Kitsch und heute als Trash firmiert, substantiell ehrlichen Objekten und Material- sowie Funktionssurrogaten, Markenwaren und No-Name-Produkten thematisiert. Ganz im Sinne des ästhetischen Erziehungsanspruchs des DWB lassen sich die Mustersammlungen aufteilen in solche mit Vorbildcharakter und diejenigen, die eine Feindbildfunktion erfüllen. Im Rahmen der Präsentation wird ein avantgardistisches Museumsmodell des DWB im Sinne eines Strukturmodells auf die Darstellung der DWB-Geschichte angewandt. Es handelt sich um das von Karl Ernst Osthaus ab 1909 in Hagen aufgebaute Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe, das bis zu seiner Auflösung 1923 als offizielles Museum des Deutschen Werkbunds fungierte. Die Besonderheit dieses Museums lag in der werkbundtypischen, radikalen Hinwendung zu seinen Zielgruppen, den Gestaltern, Produzenten, Händlern und Käufern, und dem Versuch, diese zur Herstellung, zum Vertrieb und Kauf von 'gut' oder 'besser' gestalteten Produkten für den Alltagsgebrauch zu bewegen, sie in ihrem alltäglichen Verhalten zu erziehen. Das Museum basierte zudem auf Wanderausstellungen, war also mobil. Im Rückgriff auf das Bild der „Ausstellungszentrale“ aus dem Kontext des Deutschen Museums lässt sich die Ausstellung des Werkbundarchivs – Museum der Dinge als Repertoire von Mustersammlungen und musealen Anordnungsmodellen dieser Sammlungseinheiten verstehen - zwei Ebenen, die miteinander verschränkt werden. Ausgewählt wurden Objektbereiche, die geeignet sind, zum einen die Grundlagen der historischen Werkbundarbeit zu vermitteln und zum anderen die zeitgenössische Produktkultur vor diesem thematischen Hintergrund zu reflektieren. Wie im historischen Modell des Deutschen Museums sollen Tradition und Gegenwart konfrontiert werden, und zwar im Hinblick auf die gesellschaftlichen Handlungsräume wie auf die Gestaltungsgrundlagen. Die dabei erzählten Geschichten ergeben eine (nicht die) Geschichte des Deutschen Werkbunds und ermöglichen so das Verständnis seiner Programmatik.
Renate Flagmeier
Die Autorin ist Projektleiterin der Ausstellung und Kuratorin im Werkbundarchiv – Museum der Dinge.
Anmerkungen
1 Frederic J. Schwartz, Der Werkbund. Ware und Zeichen 1900-1914, Dresden 1999 2 Hartmut Böhme, Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Reinbek 2006, S. 328
Aus Heft
2/2007
>> Website des Werkbundarchivs
<< Überblick Museumsjournal Online
|
|